Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Sie sind hier: Startseite / Matrix 4.1 (de) / Handbuch / A1 Ethisches Beschaffungsmanagement

A1 Ethisches Beschaffungsmanagement

A) Ziel des Indikators

Zielsetzung dieses Indikators ist es, dass die Unternehmen ihre Verantwortung für die vorgelagerten Wertschöpfungsschritte voll wahrnehmen und nur gemeinwohlorientierte Zulieferer auswählen. Ein gemeinwohlorientiertes Unternehmen setzt sich aktiv mit den Problemstellungen bezogener Produkte/Dienstleistungen auseinander und versucht den Ressourcenverbrauch insgesamt sowie dessen soziale und ökologischen Folgewirkungen durch aktive Maßnahmen „bis zur Wiege“ zurück zu minimieren. Je nach beschafftem Gut können sehr unterschiedliche Aspekte von Relevanz sein (siehe Hintergrund sowie Umsetzung). Mit seinen Lieferanten und Dienstleistungspartnern strebt es eine langfristige und faire Zusammenarbeit an, wobei das Gemeinwohl betreffende Aspekte in einem möglichst kooperativen Prozess aktiv adressiert werden. In diese Prozesse können auch MitwerberInnen und externe Stakeholder/Berührungsgruppen (z.B. NGOs, Multi-Stakeholder-Initiativen) eingebunden werden (siehe auch D2 und D5). Belohnt wird sowohl die aktive Auseinandersetzung als auch der tatsächliche Bezug sozial und ökologisch höherwertiger Produkte und Dienstleistungen (=P/D). Zu berücksichtigende Aspekte können vielfältiger Natur sein:

  • Arbeitsbedingungen: existenzsicherndes Einkommen, Gesundheit und Sicherheit, ArbeitnehmerInnenrechte etc.
  • Ökologische Aspekte: ökologische Qualität der eingesetzten Inputstoffe im Vergleich zu Alternativen, Einsatz der besten verfügbaren Technologie, in der Produktion eingesetzte Energieträger, Vermeidung von Risikostoffen, Emissionen in Luft/Boden/Wasser etc.
  • Soziale Auswirkungen auf andere Berührungsgruppen: direkte Belastung der AnrainerInnen durch Schadstoffe, Konflikte um Rohstoffe, Korruption, Menschenrechtsverstöße, Verstöße gegen geltendes Recht, kontroverse Unternehmenspolitik, Ausnutzen der Marktmacht etc.
  • Verfügbarkeit und Existenz von Alternativen: Vermeidung, lange Gebrauchsdauer bzw.wiederverwendete Güter, Alternativrohstoffe, nach sozialen oder ökologischen Kriterien zertifizierte Produkte/Dienstleistungen etc.

Die reine Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen (siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Kernarbeitsnorm), wenngleich diese in vielen Branchen und Regionen noch immer laufend verletzt werden, ist als Anspruch an eine sozial und ökologisch zukunftsfähige Wirtschaft zu wenig. Über negative Auswirkungen hinausgehend können die Inhalte der Gemeinwohl-Matrix als gutes Hilfsmittel für eine umfassende Auseinandersetzung mit positiven Elementen der Beziehung zu den LieferantInnen herangezogen werden. Der Bio-Apfel aus einem regionalen, solidarischen Landwirtschaftsbetrieb ist voraussichtlich konsistenter mitden gesellschaftlichen Vorstellungen einer zukunftsfähigen Wirtschaft (faire Aufteilung der Wertschöpfung, Arbeitsbedingungen etc.) als der Bio-Apfel einer LEH (Lebensmitteleinzelhandel)-Kette. Ein Gut gemeinschaftlich zu nutzen, wiederzuverwenden bzw. gar nicht zu benötigen ist in vielen Fällen über die Auswahl eines effizienten Neuproduktes zu stellen.

B) Impulsfragen

  • Welche wesentlichen Produkte und Dienstleistungen werden seitens des Unternehmens bezogen (Energie, Rohstoffe, Materialien, Komponenten, Investitionsgüter, Dienstleistungen, Handelswaren etc.) und wie hoch ist deren ungefährer Anteil an der gesamten Beschaffung? Welcher regionalen Herkunft sind die wesentlichen Lieferanten bzw. wer sind diese?
  • Welche sozialen und ökologischen Risiken (Arbeitsbedingungen, ökologische Auswirkungen) werden in der gesamten Supply Chain systematisch evaluiert? Welche sozialen und ökologischen Kriterien (Arbeitsstandards, ökologische Kennzahlen etc.) werden für Auswahl angewandt? Wie erfolgt die Erhebung und Überprüfung dieser Kriterien (Zertifizierung, Fragebogen, internes/externes Audit)? Gibt es Kooperationsprogramme mit Lieferanten, die soziale und ökologische Aspekte beinhalten?
  • Welcher Anteil der Güter und Dienstleistungen erfolgt unter Berücksichtigung welcher sozialen/ökologischen Kriterien? In welchem Ausmaß wird auf welche Label mit sozial- und/oder ökologisch-orientierten Inhalten oder vergleichbare externe Zertifizierungen zurückgegriffen? Existieren höherwertige Alternativen? Wenn ja, welche?

C) Bewertungstabelle


Sub-Indikator

Erste Schritte (0-10%)

Fortgeschritten (11-30%)

Erfahren (31-60%)

Vorbildlich (61-100%)

Regionale, ökologische und soziale Aspekte/höherwertiger Alternativen werden … berücksichtigt

 Relevanz: hoch

… punktuell bei Produkten mit negativen sozialen und/oder ökologischen Auswirkungen (Öko-Strom)

… bei einigen wesentlichen P/D

… bei einem Großteil an wesentlichen P/D …

+ im Vergleich sehr geringer Verbrauch bzw. klare Reduktion bei kritischen Stoffe ohne höherwertige Alternative (siehe FAQ)

… allen wesentlichen,  zugekauften P/D …

+ innovative Lösungen zur Vermeidung kritischer Stoffe ohne höherwertige Alternative

Aktive Auseinandersetzung mit den Auswirkungen zugekaufter P/D und Prozesse zur Sicherstellung sowie Ausmaß und Form der Nachweisführung

Relevanz: durchschnittlich

Interne Auseinandersetzung durch aktives Einholen von Informationen zu der Thematik

Integration sozialer und ökologischer Aspekte in das Vertragswesen (Code ofConduct/Ethik-Kodex)

Internes Audit bei Risiken und wichtigsten Lieferanten

Schulungen (Seminare, Workshops, Zeitbudgets für ExpertInnengespräche) aller Mitarbeiter im Einkaufsprozess

Regelmäßige Evaluierung sozialer/ökologischer Auswirkungen und Alternativen

Sicherstellung durch unabhängiges Audit (z.B.: nach soz./ökol. Gütesiegeln zertifizierte P/D, Kooperation mit NGOs)

Multi-Stakeholder-Initiative (z.B.: mit Marktpartnern, NGOs etc.) hinsichtlich sozialer und ökologischer Aspekte

Strukturelle Rahmenbedingungen zur fairen Preisbildung

Relevanz: niedrig

Verzicht auf rein preisgetriebene Beschaffungsprozesse (u.a. Auktionen, Ausschreibungs-verfahren)

Kein vom Einkaufspreis abhängiges Bonussystem für Einkäufer

Langfristige, kooperative  Beziehung werden wechselnden,  kostenorientierten vorgezogen

Evaluierung des Verhaltens der Einkäufer durch regelmäßige Mitarbeitergespräche mit Fokus auf die Herausforderungen, die sich durch eine ethische Beschaffung ergeben

Innovative Strukturen im Beschaffungswesen (z.B.: Partizipation an Alternativwährungskonzepten, ökonomische Ansätze der Solidarischen Landwirtschaft etc.)

 

D) Besonderheiten bei der Bewertung

Marktmacht: mit zunehmender Marktmacht (korreliert oftmals mit Unternehmensgröße) steigt die Bedeutung der fairen Preisbildung, da dies mit einem stärkeren Einfluss auf die Gestaltung des Prozesses einhergeht.

Unternehmensgröße: Mit zunehmender Größe des Unternehmens steigt der Anspruch an Institutionalisierung und Qualität des Managements

Regionale Risiken: Ökologische Aspekte sind tendenziell von höherer Bedeutung. Je höher der Bezug aus Ländern/Branchen mit niedrigen sozialen Standards ist, desto stärker sind soziale Aspekte zu gewichten.

Branchenaspekte:

Auch wenn es sich nicht verallgemeinern lässt, ist die Herangehensweise von Produktionsunternehmen, Handel und Dienstleistungsunternehmen zu unterscheiden. Die Aufteilung hängt mit den unterschiedlichen Schwerpunkten in der Beschaffung zusammen: klassische Roh- und Hilfsstoffe (z.B.: bei einem Stahlerzeuger Erz, Kohle, bei einem Laptophersteller eine Vielzahl an Bauteilen), Handel und Vertrieb verarbeiteter Produkte im Handel (z.B.: im Lebensmitteleinzelhandel die vertriebenen Lebensmittel, in einer Handelskette die elektronischen Geräte) sowie sonstige Betriebsmittel (IT; Büroausstattung, Betriebsgebäude, Maschinen etc.). Darüber hinaus sind für alle Unternehmen die jeweiligen Investitionsgüter (Fabrik, Firmenwagen, IT-Hardware etc.) relevant.

—   Produktionsunternehmen: Produktionsunternehmen sind oft durch eine enge Zusammenarbeit mit den Lieferanten ihrer wesentlichen Rohstoffe gekennzeichnet. Die Existenz von zertifizierten Produkten ist im Vergleich zum Endkonsumentenmarkt geringer und Möglichkeiten zur Verbesserung je nach Rohstoff unterschiedlich (direkte Kooperation mit den LieferantInnen bezüglich sozialer und ökologischer Aspekte; Ethik-Audits durch Dritte etc.).

—   Handel: Der Handel verfügt zumeist über ein breites Sortiment unterschiedlichster Produkte und bezieht diese mehrheitlich von einer großen Anzahl an LieferantInnen. Aufgrund dessen ist gerade für den Handel eine systematische Herangehensweise von sehr hoher Bedeutung (bei der Auswahl welcher Handelsgüter werden soziale/ökologische Kriterien angewandt und überprüft?). Orientierungspunkte sind von der Branche abhängig. Im Lebensmittelbereich kann beispielsweise bereits auf eine Vielzahl bestehender Labelprozesse zurückgegriffen werden (Bio, Demeter, Fair Trade etc.), in anderen Bereichen ist eine individuelle Herangehensweise zielführender (Kriterienkatalog, Audits etc.).

—   Dienstleistungsunternehmen (z.B. Architekturbüro): Nachstehend einige Beispiele für das typische Beschaffungswesen eines Dienstleistungsunternehmens und mögliche Orientierungspunkte: Raumnutzung (z.B.: Energieeffizienz anhand des Energieausweises oder Energiekennzahlen kwh/m²), Strom (Ökostrom), Wärme (ökologische Qualität des Energieträgers), soziale Risiken (z.B.: ein wesentlicher Anteil des Erdgases in Österreich und Deutschland wird vom aus ethischer Perspektive durchaus kritisch zu beurteilenden Gazprom-Konzern bereitgestellt – damit ist auch ein kleines Büro in Wien oder Berlin Teil der Wertschöpfungskette einer sehr kritischen Branche), IT-Hardware (gebraucht > Neukauf, überdurchschnittliche Nutzungsdauer, Energieeffizienz), Reinigungs- und sonstige Personaldienstleistungen (Arbeitsbedingungen des Anbieters, u.a. Entlohnung), IT-Services (GreenHosting), Mobilitätsdienstleistungen (Vermeidung > Auswahl sanfter Transportmittel), Papier (Umweltzeichen, Recycling, FSC etc.), Einrichtung (gebraucht > Neukauf); Fuhrpark (Vermeidung > CarSharing > Kauf eines energieeffizienten Fahrzeuges).

 

Abgrenzungen zu anderen Indiaktoren

A1 zu D3/D4/E1: Eine Abgrenzung des ethischen Beschaffungswesens zu den Indikatoren der Produktgestaltung und -wirkung  ist nicht sinnvoll, da die beschafften Produkte/Dienstleistungen Teil des gesamten Lebenszyklus sind. Der Effekt von A1 auf diese Indikatoren ist abhängig von der Relevanz der vorgelagerten Wertschöpfungsschritte (z.B.: bei einem reinen Handelsunternehmen sehr hoch, da die Effekte mehrheitlich bei den LieferantInnen entstehen, bei einem Architekten niedriger, da die eingesetzten Güter – klassischer Bürobedarf – nur ein Hilfsmittel der geplanten Häuser sind).

A1 zu E3: Die Abgrenzung hierbei hängt von davon ab, welche ökologischen Effekte wo in der Wertschöpfungskette durch ethisches Beschaffen erzielt werden (siehe FAQ: Geschäftswagen).

A1 zu C3/D3/E3: Eine grafische Darstellung wird in den kommenden Wochen ins WIKI gestellt.

 

FAQ zur Bewertung

Informationsbeschaffung: Wo kann man Informationen über die ethische Qualität eines Lieferanten bekommen? Nach welchen Kriterien/Zertifikaten/Siegeln kann man unterscheiden, ob der jeweilige Zulieferer sauber ist? Antwort: Dies hängt jeweils von den spezifischen Produkten bzw. Dienstleistungen ab. Generelle Hintergrundinformationen zu Produkten/Dienstleistungen lassen sich zumeist relativ schnell im Internet recherchieren (z.B.: ökologische Aspekte auf Seiten von Umwelt-NGOs). Für die Beurteilung der Label kann es hilfreich sein, auf Informationen unabhängiger Initiativen zurückzugreifen  (z.B.: http://www.label-online.de/: Label-Datenbank mit Hintergrundinfos und Bewertung; Ökotest etc.). Bei einer intensiven Beziehung zu den LieferantInnen kann auch die direkte Erhebung bei diesen zielführend sein.

Rolle monetärer Aspekte in der GWÖ:Eine monetäre Bewertung kann den GWÖ Zweck umkehren. Ein nur nach Preisen orientiertes Einkaufsverhalten kann zu einer besseren Bewertung führen. Wäre es hier nicht sinnvoller, die GWÖ komplett von monetären Elementen zu lösen? (Anfrage aus einem Peer-Group-Treffen in Stuttgart) Antwort: Die monetäre Ebene wird hier nur aus „pragmatischen“ Gründen angewandt, um so die Relevanz der beschafften Güter bzw. das Ausmaß, in welchen Bereichen gehandelt wird, grob einschätzen zu können. Alternativ könnte man eine physische Maßeinheit wählen (z.B. Gewicht, wie beispielsweise in Material und Stoffstromanalysen). Wichtig ist eine grobe „Quantifizierung“, um die wesentlichen beschafften Güter herauszufiltern. (Ob 1 Euro für Bleistifte in einem Jahr ausgegeben werden oder 500 Euro für Papier lässt meist auch Rückschlüsse darauf zu, bei welchem der beiden Güter die Berücksichtigung sozialer oder ökologischer Aspekte in der Beschaffung einen größeren Effekt hat). Monetär sind diese Daten vorhanden (Bilanz, Buchhaltung) und können für eine erste Auseinandersetzung mit dem Thema genutzt werden. Es sollte selbstverständlich nicht so verstanden werden, dass dies nur auf eine einzige Einheit (sei es monetär, physisch etc.) heruntergebrochen werden soll, sondern auch auf die Branche bzw. die Rahmenbedingungen des Unternehmens eingegangen werden kann. Die Gefahr eines rein nach Preisen orientierten Einkaufsverhaltens sollte bei der Beurteilung aufgrund der expliziten sozialen und ökologischen Beschaffungskriterien keine positive Bewertung nach sich ziehen können.

Wesentlichkeit: Ab welcher Summe/welchem Anteil am Gesamtvolumen ist ein P/D wesentlich? (Bäckerei: Getreide oder Backöfen etc.) Wo fängt die Wesentlichkeit an? Antwort: Eine allgemeine Antwort zu dieser Frageist schwierig, die Letztverantwortung liegt bei den AuditorInnen bzw. ProzessbegleiterInnen. Vielfach existieren sehr kleine (sowohl monetär als auch physisch) Güterflüsse, die von hoher Relevanz geprägt sind (z.B.: Tantal in der Telekommunikationsindustrie; viele seltene Metalle und nicht-metallische Rohstoffe). Eine „reduktionistische Variante“ rein auf eine monetäre Größe ist folglich kritisch zu beurteilen. Die monetäre Basis ist lediglich eine Ausgangsbasis, wobei man sich an der Strukturierung in ABC-Güter orientieren könnte (bei der ABC-Analyse wird oft 80 %, 15 %, 5 % oder ähnliches vorgeschlagen). Ergänzt werden sollte dies um eine Analyse potentieller Risikogüter (insbesondere beim verschwindenden Rest).

Gewichtung der einzelnen Sub-Indikatoren: Unterscheidung zwischen ökologisch und sozial ist hier nicht messbar und einteilbar, da die beiden Schwerpunkte **innerhalb** eines Kriteriums liegen. Wie gehen wir mit der Gewichtung um? Kann ein Auditor die Gewichtung ändern? Nach welcher Grundlage sollte das Unternehmen die Gewichtung vornehmen? Antwort: Der/Die AuditorIn sollte sich mit dem Beschaffungsportfolio des Unternehmens auseinandersetzen und im Rahmen der vorgeschlagenen Schranken die Gewichtung nach seinem/ihrem Ermessen durchführen, orientiert daran, ob entweder soziale oder ökologische Aspekte im jeweiligen Fall von höheren Risiken gekennzeichnet sind (siehe auch weiter oben).

Regionalität: Unser Unternehmen bezieht fast ausschließlich von regionalen Lieferanten und Dienstleistungsunternehmen. Es gibt kaum Risiken. Ist dieser Aspekt für unser Unternehmen relevant? (Rückmeldung von Pionierunternehmen) Antwort: Auch regional bezogene Produkte und Dienstleistungen beruhen auf Vorleistungen (z.B.: auch der regionale Tischler bezieht seine Rohstoffe von irgendwo), die potentiellen Auswirkungen liegen oftmals nur weiter hinten in der Wertschöpfungskette. Darüber hinaus gibt es auch im deutschsprachigen Raum noch viele Branchen mit prekären Arbeitsbedingungen, weshalb sich negative Auswirkungen nicht per se aufgrund der Region ausschließen lassen (z.B. Baugewerbe, Personaldienstleistungen, Handel etc.).

Anlagevermögen (Anschaffungsjahr – Abschreibungen): Wie wird das Anlagevermögen bewertet? Auch hier stellen sich durchaus GWÖ-Aspekte. So führt die Nutzung von Maschinen über ihre steuerliche AFA-Dauer hinaus zu Abfallvermeidung. Auch sollten bei der Anschaffung die sozialen/ökologischen Auswirkungen entscheidungsrelevant sein. Wie werden Anschaffungen berücksichtigt: nur im Anschaffungsjahr, auf die Jahre abgeschrieben oder gar nicht? (Anfrage aus einem Peer-Group-Treffen in Stuttgart). Antwort: Anschaffungen werden selbstverständlich als Teil der „beschafften Betriebsmittel“ mitberücksichtigt. Für die Fragen nach Anschaffungsjahr bzw. Abschreibungen gibt es noch keine festgeschriebene Regel. Es ist schwierig, sich für A oder B zu entscheiden. Im Jahr des Anschaffungsprozesses fällt die Entscheidung für das Produkt und den Lieferant, folglich ist zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit am größten, soziale und ökologische Aspekte bei der Beschaffung zu berücksichtigen. Eine reine Fokussierung auf den Anschaffungszeitraum verfälscht jedoch das Bild der „Betriebsmittel“ eines Unternehmens. Abschreibungen liefern hierbei ein ausgewogeneres Bild des „sozialen und ökologischen Rucksackes“ vergangener Beschaffungsprozesse. 

Reduktion bei kritischen Stoffen ohne höherwertige Alternative: Was ist unter „höherwertige Alternative“ zu verstehen? Antwort: Damit sind Stoffe gemeint, die nicht (technisch oder ökonomisch sinnvoll) durch andere– ökologisch/sozial/ethisch nachhaltigere – Stoffe ersetzt werden können. Nehmen wir zum Beispiel Tantal, einen Konfliktrohstoff, der in der Telekommunikationsindustrie von hoher Bedeutung und nicht ersetzbar ist; es existiert keine ökologisch/sozial höherwertige stoffliche Alternative. Die Branche hat sich zusammengesetzt und versucht als ersten Schritt durch Prozesse in der Beschaffungskette „Conflict-Free“ Tantal sicherzustellen. Das Dilemma ist jedoch, dass wir als Gesellschaft Tantal in einem extrem hohen Ausmaß benötigen. Am besten wäre es, wenn die notwendigen Mengen des Stoffes verringert würden (z.B.: forcierte Verlängerung der tatsächlichen Nutzungsdauer von Mobiltelefonen, Forschung zur Nutzung von Sekundärrohstoffen).Dies wäre aus ethischer Perspektive zielführender als die reine Sicherstellung konfliktfreier Rohstoffe.

Geschäftswagen: Wo gehört die Bewertung des Geschäftswagens hin, in A1, in C3? Antwort: Diese würde sowohl unter die Kriterien A1 (mit dem Fokus auf die Effekte der vorgelagerten Prozesse, z.B. Herstellung) als auch D3 (mit dem Fokus auf die Nutzungsaspekte, z.B. Verbrauchsdaten) fallen. In C3 ist ausschließlich der Arbeitsweg und nicht Dienstreisen und ähnliches berücksichtigt, folglich würde er nur dann im geringem Maße miteinfließen, wenn der Kauf im konkreten Zusammenhang mit dem Arbeitsweg steht (z.B.: Geschäftswagen wird für Car Sharing und Mitfahrgelegenheiten für die MitarbeiterInnen genutzt).

E) Definitionen + Hintergrund

Der Umgang mit und die Auswahl von Lieferanten und ihren Produkten/Dienstleistungen stellt für viele Unternehmen eine bedeutende Einflusssphäre zur Steigerung des Gemeinwohles dar. Das Spektrum der zu berücksichtigenden Aspekte reicht hierbei von positiven Elementen (u.a. Kooperation, langfristige Zusammenarbeit, gemeinsame Erarbeitung von Lösungsstrategien für soziale und ökologische Aspekte) hin zu sozialen und ökologischen Risiken (z.B.: Arbeitnehmerrechte, Umweltbelastung), welche – teils aufgrund eines Preiskampfes – in den vorgelagerten Wertschöpfungsketten aufzufinden sind.

Die mit der Globalisierung und Spezialisierung einhergehende Arbeitsteilung hat komplexe Strukturen in den Wertschöpfungsketten der Weltwirtschaft zur Folge (siehe beispielsweise Südwind-Studie: Die Wertschöpfungskette bei Handys).

Deshalb ist es wichtig, dass jede AkteurIn die vorgelagerten WertschöpferInnen kennt bzw. Informationen aktiv einholt, um nach ethischen Prinzipien auswählen zu können. Jede/r ist für die gesamte Supply Chain (mit)verantwortlich. Derzeit wird diese Sichtweise nur bei bestimmten kritischen Produktsparten (etwa Kaffee und Kakao) berücksichtigt. Zunehmend geraten spezifische Rohstoffe (z.B.: Coltan) und komplexere Produkte (z.B. Elektronikprodukte) ins Blickfeld wirtschaftsethischer Diskussionen. Derartige Risiken können nicht, wie der erste Blick vermuten lässt, auf Länder mit niedrigen gesetzlichen und/oder gelebten Standards reduziert werden, da sie auch oftin westlichen Ländern (z.B.: prekäre Arbeitsbedingungen im Handel, bei Reinigungsdienstleistern, im produzierenden Gewerbe, in der Baubranche etc.) aufzufinden sind. Bisher sind Maßnahmen vielfach erst durch Druck seitens unterschiedlicher Stakeholder-Gruppen (u.a. Zivilgesellschaft, KonsumentInnen, Gewerkschaften) als reaktiver Prozess eingeleitet worden bzw. bleibt ein aktiver Zugang zu ethischen Aspekten im Beschaffungswesen auf Nischenanbieter beschränkt.

Neben sozialen und ökologischen Aspekten werden Beschaffungsverfahren vielfach von kompetitiven, preisgetriebenen Einkaufsprozessen begleitet. MitarbeiterInnen des Beschaffungswesens werden durch variable Entlohnungskomponenten zur Minimierung der Einkaufspreise angeregt – Rahmenbedingungen (z.B. diesbezügliche Weiterbildung) und Anreizstiftung für ein ethisches Beschaffungswesen sind derzeit nur bedingt auffindbar.

Video: Story of Stuff (allgemeineAwareness-Info über den Lebenszyklus von Produkten mit vielen Aspekten zur Wertschöpfungskette)

F) Umsetzung

Für die Auseinandersetzung mit dem ethischen Beschaffungswesen braucht es zunächst eine systematische Auflistung aller bezogenen Produkte/Dienstleistungen gemäß ihrem monetären Anteil am gesamten Beschaffungsvolumen sowie ihrer Herkunft nach Region und Unternehmen. Dann werden die sozialen und ökologischen Auswirkungen evaluiert und Handlungsalternativen ermittelt. Dabei hilft eine Einstufung der Produkte/Dienstleistungen nach ihren positiven/negativen sozialen und ökologischen Auswirkungen und Risiken. Nachfolgende Tabelle soll nur eine der vielen möglichen Darstellungsformen skizzieren:

Darstellung der Beschaffungsausgaben (Rohstoffe, Hilfsstoffe, Miete, Strom, fossile Energieträger etc.):

Bezogene/s Produkt/Dienstleistung (% der gesamten Beschaffungsausgaben)

Relevante soziale und ökologische Risiken

Status Quo + Zielsetzungen (berücksichtigte Faktoren)

 Potentiale (höherwertige Alternativen, Einflussmöglichkeiten etc.)

Rohstoffe A1 (rd. x % der Ausgaben) von Unternehmen XY

 

 

 

Rohstoffe A2 (rd. x % der Ausgaben) von Unternehmen XY

 

 

 

Strom B1 (rd. x % der Ausgaben) von Unternehmen XY

 

 

 

 

Auflistung der wichtigsten Investitionsgüter der letzten Jahren (Maschinen, Fuhrpark, Gebäude, Ausstattung, IT-Hardware etc.) und ethischer Aspekte,diebei der Beschaffung berücksichtigt wurden.

Investitionsgüter (% der gesamten Investitionen)

Relevante soziale und ökologische Risiken

Status Quo + Zielsetzungen (berücksichtigte Faktoren)

 Potentiale (höherwertige Alternativen, Einflussmöglichkeiten etc.)

Anschaffungskosten

 

 

 

Investitionsgut A1 (rd. x % der Investitionsausgaben) von Unternehmen XY

 

 

 

Investitionsgut A1 (rd. x % der Investitionsausgaben) von Unternehmen XY

 

 

 

 Beispielhaft sollen nachfolgend einige potentiell kritische Branchen detaillierter dargestellt werden um das Bewusstsein für relevante Aspekte zu schärfen:

  • Rohstoffgewinnung: massive Verletzung von Arbeitnehmer- und Menschenrechten,  Emissionen von Schwermetallen und Chemikalien in Wasser und Boden, Schwächung der Kontrolle der Kommunen über Land und Ressourcen, Verlust der traditionellen Lebensgrundlagen ansässiger Bevölkerung etc.
  • Lebensmittelindustrie: Folgewirkungen konventioneller Landwirtschaft (Bodenerosion, Folgewirkungen von Pestizideinsatz, Landnutzungswandel, Verlust der Artenvielfalt etc.), Arbeitsbedingungen (Entlohnung, Kinderarbeit, Zeitarbeit, gesundheitliche Schäden durch Pestizideinsatz etc.)
  • Fossile Energieträger: politische Konflikte um Ressourcen, Korruption, massive Belastung von Ökosystemen durch Austritt fossiler Stoffe bei Exploration und Transport etc.
  • Elektronikindustrie: massive Verletzung von Arbeitnehmer- und Menschenrechten (u.a. Wanderarbeiter), gefährliche Inhaltsstoffe (u.a. Polyvinylchorid, bromierte Flammschutzmittel, Phthalate), Konflikt-Rohstoffe (z.B.: Coltan) etc.

G) Best practises

Hier könnten je nach Branche eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Beispiele genannt werden, weshalb der Fokus auf Label-Prozesse, Multi-Stakeholder-Initiativen und ähnliches gelegt wird (siehe H).

H) Literatur/ Links / EXperten

[1]www.ethicaltrade.org/sites/default/files/resources/ETI%20Management%20benchmarks.pdf


[1] ETI Self-Assessment-Tool: www.ethicaltrade.org/sites/default/files/resources/ETI%20Management%20benchmarks.pdf

[2] Loew (2006): CSR in der Supply Chain; http://www.4sustainability.de/fileadmin/redakteur/bilder/Publikationen/Loew_2006_CSR_in_der_Supply-Chain.pdf


I) ANHANG: - ; EXKURS: -

Derzeit keine

 

RedakteurIn: Christian Loy, christian.loy@gmx.at

Creative Commons Lizenzvertrag
Gemeinwohl-Bilanz von Forschungsverein Gemeinwohl-Ökonomie ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.