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B1 Ethisches Finanzmanagement

A) AUSGANGSLAGE UND ZIEL

Dem Finanzsystem kommt hinsichtlich des Gemeinwohls eine besondere Bedeutung zu. Das heute weit verbreitete Renditedenken, die Annahme, dass systemisch „aus Geld mehr Geld“ gemacht werden könnte sowie damit einhergehende riskante Anlageverhalten gefährden nicht nur die systemische Stabilität des Finanzsystems und die Staatsfinanzen, sondern stehen auch den Werten Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Menschenwürde oder Demokratie entgegen.

Unternehmen können den Wandel der Finanzmärkte in Richtung Gemeinwohlorientierung mitgestalten. Der Wechsel zu einer nicht gewinnorientierten Bank und die Inanspruchnahme ethisch-nachhaltiger Finanzdienstleistungen (z.B. bei Rückstellungen für Pensionen) fördert Verteilungsgerechtigkeit sowie den sinnstiftenden und nachhaltigen Einsatz finanzieller Ressourcen. Überdies können finanzmarktferne Formen der Finanzierung ins Auge gefasst werden: Leihe, Schenkung, Erbschaft (im Sinne einer demokratischen Mitgift), die Gewährung eines (zinslosen) Darlehens zwischen Unternehmen auch über Kreditplattformen oder die Finanzierung des Unternehmens über KundInnen und regionale AnlegerInnen, soweit es die nationalen Gesetze erlauben. Gesetzesänderungen können aber auch angeregt werden.

Wesentliche Elemente eines gemeinwohlorientierten Finanzmanagements sind einerseits der teilweise oder vollständige Zins- oder Dividendenverzicht sowie die Investition in gemeinwohlorientierte Projekte und Unternehmen.

Das Geld soll der Erde und dem Menschen dienen, nicht umgekehrt.

Abgrenzung/Verhältnis zu anderen Indikatoren

Bei einer Finanzierung über Berührungsgruppen kann es Überschneidungen mit folgenden Indikatoren geben:

  • A1 LieferantInnenkredite
  • D1 Finanzierungsmodelle, die KundInnen miteinbeziehen
  • D2 Kooperation mit MitunternehmerInnen
  • E2 Kooperation durch Finanzmittel
  • E5 transparente Finanzberichterstattung
  • Gerechte Gewinnverteilung Private-Equity-Firmen, Venture Capital und Business Angels wird in E4 beschrieben.

B) Impulsfragen

  • Welche Finanzdienstleistungen werden durch Ihr Unternehmen von welchem Finanzdienstleister in Anspruch genommen (Firmenkonto, Kredite, Veranlagung von Rückstellungen etc.)? Werden bei der Veranlagung bzw. bei der Auswahl des Finanzdienstleisters explizit soziale oder ökologische Kriterien berücksichtigt (Anwendung von Ausschlusskriterien bei der Veranlagung, sonstige Kriterien der nachhaltigen Veranlagung, Unternehmenspolitik etc.)? Wofür werden etwaige Zinserträge verwendet?
  • Initiiert oder beteiligt sich das Unternehmen an Finanzierungsinitiativen mit Berührungsgruppen (Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten etc.)?
  • Durch welche Maßnahmen wird die finanzielle Stabilität (insbesondere bei stagnierenden bzw. schrumpfenden Umsätzen) gewährleistet? Werden soziale oder ökologische Folgewirkungen (etwaiger) wirtschaftlicher Krisen durch pro-aktive Herangehensweise bereits im Vorfeld evaluiert und versucht zu adressieren (z.B. Erhaltung der Arbeitsplätze)?
  • Wie erfolgt die Finanzierung des Unternehmens (Eigenkapitalfinanzierung, Kredite etc.)? In welcher Rechtsform ist das Unternehmen organisiert? Fördert die gewählte Rechtsform das Gemeinwohl?
  • Welchen Stellenwert hat ethisches Finanzmanagement in Ihrem Unternehmen?

C) Bewertungstabelle

Belohnt werden drei unterschiedliche Aspekte des Finanzmanagements eines Unternehmens:

—   Institutionalisierung, Relevanz: mittel

—   Gemeinwohlorientierte Veranlagung (u.a. Tagesgeldkonto, Veranlagung von Rückstellungen), Relevanz: hoch

—   Ethisch-ökologische Qualität des Finanzdienstleisters, Relevanz: niedrig

Gemeinwohlorientierte Unternehmensfinanzierung, Relevanz: niedrig

 

Sub-Indikator

Erste Schritte

(1 bis 10 %)

Fortgeschritten

(11 bis 30 %)

Erfahren

(31 bis 60 %)

Vorbildlich

(61 bis 100 %)

Institutionalisierung

(mittel)

Verankerung des ethischen Finanz-managements im Unternehmensleitbild

Umsetzung des ethischen Finanzmanagements in einzelnen Unternehmensaktivitäten[1]

Umsetzung des ethischen Finanzmanagements in einer Vielzahl von Unternehmensaktivitäten

Umsetzung des ethischen Finanzmanagements in allen Unternehmensaktivitäten

Ethisch-nachhaltige Qualität des Finanzdienstleisters

(niedrig)

Konventionelle Bank mit eigenen ethisch-nachhaltigen Finanzprodukten (< 5 % am Kredit- bzw. Sparvolumen) Keine Involvierung in kritische Projekte[2]

Konventionelle Bank mit einer breiten Palette ethischer Finanzprodukte (>5 % am Kredit- bzw. Sparvolumen)

Mehrheitlich auf ethisch-nachhaltige Finanzdienstleistungen spezialisierte Bank

Ausschließlich ethisch-nachhaltiger Finanzdienstleister

Gemeinwohlorientierte Veranlagung[3]

(hoch)

Teilweise Veranlagung in ethisch-nachhaltige Projekte, jedoch nicht nach dem Best-in-Class-Ansatz

 

Mehrheitliche Veranlagung in ethisch-nachhaltige Projekte[4]

+ Verwendung von Kapitalerträgen für soziale/ökologische Investitionen

Ausschließliche Veranlagung in ethisch-nachhaltige Projekte

+ teilweiser Zins- und/oder   Dividendenverzicht bei Veranlagungen

Ausschließliche Veranlagung in ethisch-nachhaltige Projekte

Shareholder Advocacy

+ vollständiger Zins- und/oder Dividendenverzicht im Fall von Veranlagungen

Gemeinwohlorientierte Unternehmens-finanzierung

(niedrig)

Keine Eigenkapitalfinanzierung über Kapitalgeber ohne Mitarbeit im Unternehmen[5]

Versuch der Finanzierung über Berührungsgruppen[6] oder aus Bankkredit aus nicht gewinn-ausschüttender Bank

Erfolgreicher Beginn der Finanzierung über Berührungsgruppen oder aus Bankkrediten, die zu teilverzichteten Zinsen führen

Zinsfreie Finanzierung überwiegend mithilfe von Berührungsgruppen oder Bankkrediten, die zu keinen Sparzinsen mehr führen

 

FAQ zur Bewertung

Welche Auswahlstrategien gibt es für gemeinwohlorientierte Veranlagung?

In der Regel wird zwischen zwei Ansätzen unterschieden, um ethisch-nachhaltige – pro futuro – auch gemeinwohlorientierte Aspekte in Kapitalanlagen zu berücksichtigen.

Die passiven Ansätze umfassen

-       Positivkriterien (Best-in-Class-Ansatz): kann auch ethisch-nachhaltig problematische Branchen inkludieren (z.B. den ethisch-nachhaltig „besten“ Atomkraftbetreiber der Branche). Diese Anlagevariante erzielt keine Gemeinwohl-Punkte.

-       Negativkriterien: schließt ethisch-nachhaltige Branchen komplett aus dem Anlageportfolio aus. Diese Anlagevariante wird positiv berücksichtigt (fortgeschritten bzw. erfahren).

-       Shareholder Advocacy: konstruktiver Dialog der AktionärInnen mit der Unternehmensleitung im Rahmen der Jahreshauptversammlung. Diese Anlagevariante erzielt die höchste Kategorie an Gemeinwohl-Punkten (vorbildlich).

 

Gegenwärtig existiert kein Angebot für die von meinem Unternehmen benötigten Finanzdienstleistungen. Wieso werde ich für das fehlende Angebot bei der Bewertung bestraft?

Die Gemeinwohl-Ökonomie sieht keine „Bestrafung“ vor. Bei fehlendem Angebot insbesondere in Österreich ist lediglich mit einem Punkteabzug zu rechnen bzw. bei Vorliegen eines Negativkriteriums mit Negativpunkten.

Der Indikator „Ethisches Finanzmanagement“ soll primär der Bewusstseinsbildung dienen, dass die von Unternehmen in Anspruch genommenen Finanzdienstleistungen teils desaströse Auswirkungen auf die Umwelt, die Finanzmärkte und schließlich auf die Lebensqualität direkt und indirekt Betroffener haben können. Ferner versteht sich dieser Indikator als Anreizinstrument, sich für ethisches und nachhaltiges Banking einzusetzen, indem etwa ethisch-nachhaltige Finanzprodukte bei der Hausbank des Unternehmens nachgefragt werden. Durch diese und ähnliche Initiativen kann das Angebot ethischer Finanzdienstleistungen stetig wachsen.

 

Manche Unternehmen ziehen die Unternehmensfinanzierung über Mitunternehmen der Finanzierung über ethische Banken vor. Ist diese Form der Finanzierung sinnvoll bzw. realistisch? Wie wird sie bewertet?

Beide der hier angesprochenen Formen der Unternehmensfinanzierung sind gegenwärtig Randerscheinungen. Unternehmensfinanzierung über Mitunternehmen basiert primär auf einem Vertrauensverhältnis und wird unter befreundeten UnternehmerInnen praktiziert. Unternehmensfinanzierung über Ethik-Banken ist ebenfalls schwierig zu praktizieren, da in Österreich das entsprechende Angebot weitgehend fehlt. Eine ausländische Ethik-Bank wird einem österreichischen Unternehmen nur unter erschwerten Bedingungen einen Kredit gewähren. (Stichwort: Besicherung des Kredits. Ausländische Banken haben in der Regel keine Möglichkeit der Ranganmerkung im Grundbuch od. Firmenbuch). Zudem wird die ausbezahlte Kreditsumme geringer ausfallen, da ein erhöhtes Zahlungsausfallrisiko angenommen wird, und die Kreditkosten werden für das Unternehmen höher sein als bei einer österreichischen Bank.

Die Zielvorstellung der Gemeinwohl-Ökonomie geht davon aus, dass Unternehmensfinanzierung über Mitunternehmen höher beurteilt wird als Unternehmensfinanzierung über Ethik-Banken, weil erstere Finanzierungsform dem Grundgedanken der GWÖ – nämlich Kooperation zu leben – näher liegt. Zur Frage, ob dies realistisch ist: nicht weniger realistisch, als dass die GWÖ eines Tages Wirklichkeit wird.

 

Wie steht die Gemeinwohl-Ökonomie zur Unternehmensfinanzierung über Kleindarlehen durch Privatpersonen?

Diese Form der Unternehmensfinanzierung ist bislang rechtlich ungeklärt. Die Finanzmarktaufsichtsbehörden in Österreich (FMA) und Deutschland (BaFin) stehen dem Thema skeptisch bis ablehnend gegenüber, weil die Unternehmensfinanzierung über private Anleger in Form von Kleindarlehen ein den Banken vorbehaltenes konzessionspflichtiges Einlagengeschäft darstellen kann.[7]

Nach derzeitiger Gesetzeslage (Stand Februar 2013) empfiehlt es sich, entweder eine Genossenschaft zu gründen oder die Ausnahmeetatbestände zur Prospektpflicht des österreichischen Kapitalmarktgesetzes bzw. des deutschen Verkaufsprospektgesetzes zu nutzen. Beide Gesetze sehen Ausnahmen von der kostenintensiven Prospekterstellung und Prospektveröffentlichung vor.

Sowohl die Gründung einer Genossenschaft als auch die Begebung von Wertpapieren wird für viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) keine gangbare Alternative darstellen. Im Wesentlichen gilt es zunächst festzustellen, ob sich die Finanzierung über ein Bankdarlehen oder einen Förderkredit z.B. des Austria Wirtschaftsservice für KMU in den letzten Jahren tatsächlich dahingehend verschlechtert hat, dass diese Gefahr laufen in die Kreditklemme zu tappen. Wenn diese Frage mit einem Ja zu beantworten ist, gilt es als nächsten Schritt die entsprechenden gesetzlichen Änderungen anzuregen. Münden die Anregungen in ein Gesetz, dann wäre es im Sinne des Gemeinwohls, Rechtssicherheit für KMU in Hinblick auf alternative Finanzierung zu geben.

 

Welche weiteren Möglichkeiten der alternativen Unternehmensfinanzierung gibt es?

Eine weitere Finanzierungsmöglichkeit liegt in einem (atypischen) Darlehensvertrag.

Einem Unternehmen wird eine bestimmte Summe überlassen, die es zu einem vereinbarten Zeitpunkt in Sachwerten, beispielsweise Lebensmittel oder Gebrauchsgüter, zurückerstattet.

Ferner können Genussscheine Einsatz finden. Das Genussrecht ist die Beteiligungsform an einem Unternehmen. Es handelt sich um eine zeitlich befristete Beteiligung (meist 7 bis 10 Jahre) mit einem geringen Betrag (meist 500 bis 2.000 €). Ein Unternehmen verkauft Genussscheine an KundInnen. Herkömmliche  Genussscheine sind verzinst. Die Zinszahlung erfolgt einmal jährlich in Form eines Warengutscheins des jeweiligen Unternehmens. Am Ende der Laufzeit erhalten die AnlegerInnen ihr Kapital in voller Höhe zurück.

Was ist Crowdfunding?

Unter Crowdfunding (crowd = Menge, Masse) versteht man die Finanzierung einer Geschäftsidee oder eines Projektes durch eine Vielzahl von meist unbekannten Geldgebern. Crowdfunding wird in der Regel über das Internet abgewickelt.

Bisher ist das Crowdfunding aber vor allem im Bereich der Finanzierung künstlerischer und zivilgesellschaftlicher Projekte und im Social Business verbreitet.

Anzumerken ist, dass in Österreich das Thema Crowdfunding einen rechtlichen Graubereich darstellt. Prüfende Behörde ist die FMA.

  • Start-Next (Crowdfunding Plattform in Deutschland)
  • Respekt.net (Crowdfunding Plattform in Österreich)
  • Myc4 (Crowdfunding für afrikanische Kleinunternehmen)[8]

 

Wie wird eine Genossenschaft unter dem Gesichtspunkt der gemeinwohlorientierten Unternehmensfinanzierung beurteilt?

Die Genossenschaft hat ihren Ursprung im Gedanken der Selbsthilfe. Wirtschaftlich Schwache vereinigen sich zur gemeinsamen Erfüllung eines bestimmten Zwecks. Im Modell der Gemeinwohl-Ökonomie stellt dies eine willkommene Form der direkten Unternehmensfinanzierung dar. Sofern es die Satzung nicht anders vorsieht, sind alle Mitglieder der Genossenschaft gleichberechtigt. Sie haben unabhängig von der Höhe des Geschäftsanteils eine Stimme.

Ein Blick auf die Unternehmenslandschaft zeigt, dass in Österreich lediglich 0,2 % der Unternehmen in der Rechtsform einer Genossenschaft organisiert sind. Den Großteil machen Einzelunternehmen (72 %) und GmbHs (19 %) aus.[9]

Im Gegensatz zu einer GmbH oder Aktiengesellschaft kennt die Genossenschaft keine Stammkapitalvorschriften. Die Kapitalaufbringung erfolgt im Zuge der Übernahme von Geschäftsanteilen durch die Mitglieder der Genossenschaft. Eine Veräußerung des Anteils ist nicht möglich. Die Mitgliedschaft erlischt durch Austritt unter Rückzahlung des Anteils. Die Tatsache, dass Genossenschaftsanteile nicht handelbar sind, ist positiv zu bewerten, weil dadurch ein personalistisches (und kein kapitalistisches) Element in den Vordergrund tritt.

Ein weiteres – soziales – Merkmal der Genossenschaft ist der Förderauftrag. Daraus ist abzuleiten, dass die Genossenschaft nicht in erster Linie auf Gewinnerzielung ausgerichtet ist. Gewinnstreben ist nicht Hauptzweck, sondern ein (wichtiger) Nebenzweck. Insgesamt ist auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gewinnerzielung und Förderung der Mitglieder zu achten. Überschüsse können an Mitglieder jährlich rückvergütet werden.

Die Rechtsform eines Unternehmens ist nicht ausschlaggebend für eine bestimmte Anzahl an Gemeinwohl-Punkten. Tendenziell wird sie positiv bewertet.

 

Kann eine Genossenschaft das Eigenkapital durch KundInnen/MitarbeiterInnen erhöhen?

Zunächst kennt die Genossenschaft kein gesetzlich vorgeschriebenes Stamm- oder Grundkapital. Sohin fehlen gesetzliche Vorschriften zur Kapitalerhöhung und es gelten die Regeln aus der Satzung der Genossenschaft. Diese müssen die Nachschusspflicht vorsehen.

Ferner kann jede Genossenschaft ihre Anteile an Kunden und Mitarbeiter verkaufen und damit die Eigenkapitalquote erhöhen. Je vertrauenswürdiger ein Unternehmen ist, je sinnstiftender die Produkte und Dienstleistungen sind (vgl. E2), desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass KundInnen und MitarbeiterInnen Genossenschaftsanteile übernehmen und sich aktiv am Unternehmen beteiligen.

Beispiele sind die TAZ Berlin[10], die GLS-Bank[11] oder Sparda Bank München[12] und andere.

 

Wie kann die Eigenkapitalausstattung bewertet werden?

Die Eigenkapitalquote wird beim Subindikator Finanzierung positiv bewertet. Sie spiegelt die Höhe des Eigenkapitals im Verhältnis zum Fremdkapital wider. Somit ist sie eine der wichtigsten Bilanzkennzahlen und gibt Aufschluss über die Stabilität und die Krisenfestigkeit[13] eines Unternehmens. Die Matrix 4.1. berücksichtigt und bewertet erstmals die Eigenkapitalausstattung. Die Unternehmensgröße und ein Branchenvergleich zur Eigenkapitalausstattung wird in zukünftigen Versionen der Matrix Eingang finden.

 

Sub-Indikator

Erste Schritte

(1 bis 10 %)

Fortgeschritten

(11 bis 30 %)

Erfahren

(31 bis 60 %)

Vorbildlich

(61 bis 100 %)

Ergänzender Aspekt bei der Unternehmens-finanzierung

Eigenkapitalquote im Branchen- und Größenvergleich bis 50 % höher

Eigenkapitalquote im Branchen- und Größenvergleich 50–100 % höher

Eigenkapitalquote im Branchen- und Größenvergleich bis 100–200 % höher

Eigenkapitalquote im Branchen- und Größenvergleich 200–400 % höher

 

Laut Wirtschaftsblatt Wien wiesen 2012 kleine Unternehmen eine durchschnittliche Eigenkapitalquote von 19,5 % auf und mittelgroße Unternehmen 32 %.[14] Für die Jahre 2003/4 gibt es eine sehr detaillierte Aufschlüsselung der Eigenkapitalquoten in Österreich nach Branchen. Auffällig ist hierbei, dass die Eigenkapitalquote tendenziell mit der Umsatzhöhe korreliert, d.h. je höher der Umsatz, desto höher ist die Eigenkapitalquote.[15]

Laut Wirtschaftswoche ist die Eigenkapitalquote bei deutschen mittelständischen Unternehmen in einem Jahr von 2010 auf 2011 von 15,1 % auf 18,3 % gestiegen.[16]

 

Kann ich den Gewinnfreibetrag gemeinwohlorientiert nutzen?

Ja. Die Entscheidung obliegt dem Unternehmen. Herkömmlich wird der Gewinnfreibetrag meist in Wertpapieren veranlagt. Eine Investition in das Unternehmen als solches, wie etwa der Kauf nachhaltig erzeugter Büromöbel, wird positiv bewertet.

 

Kann ich den erzielten Gewinn gemeinwohlorientiert investieren? [17]

Siehe hierzu die Ausführungen beim Indikator E 4.

 

Wie sieht das Verhältnis von Aktiengesellschaft und Gemeinwohlorientierung aus?

Der Gesetzeswortlaut des österreichischen Aktiengesetzes kennt den Begriff des „öffentlichen Interesses“, unter welchem im Sinne eines volkswirtschaftlichen Gesamtinteresses das Gemeinwohl verstanden wird. Ein Haftbarmachen von Vorstandsmitgliedern für gemeinwohlschädigendes Verhalten kann aus dieser Bestimmung jedoch nicht abgeleitet werden.

Das österreichische Aktiengesetz und das Arbeitsverfassungsgesetz kennen, ebenso wie das deutsche Recht, den Begriff der betrieblichen Mitbestimmung. In Österreich hat der Vorstand die Interessen der Arbeitnehmer von Gesetzeswegen zu berücksichtigen. Beide Rechtsordnungen sehen die Entsendung von ArbeitnehmervertreterInnen zur Wahrung ihrer Interessen in den Aufsichtsrat vor.[18]

 

Kann ein Aktionär auf den Gewinnanspruch (Dividende) zur Förderung des Gemeinwohls verzichten?

Siehe hierzu die Ausführungen beim Indikator E 4.

 

Welchem Subindikator sind Mitarbeitervorsorgekassen (Pensionskassen, Versicherungen) zuzuordnen und wie erfolgt die Bewertung?

Die Auswahl der Vorsorgekasse und anderer anlagerelevanten Versicherungen wird bei dem Subindikator Veranlagung berücksichtigt.

Eines der zentralen Problemfelder, das sich in Zusammenhang mit Mitarbeitervorsorgekassen auftut, ist die Frage nach der RisikoträgerIn für die betriebliche Altersvorsorge. Potenzielle RisikoträgerInnen können die ArbeitgeberIn, die ArbeitnehmerIn oder die Vorsorgekasse sein. Die zu tragenden Risiken sind das Kapitalmarkt-, das Inflations- und das „Langlebigkeitsrisiko“.

Die Volatilität der Finanzmärkte zeigt Auswirkungen auf die Veranlagung von Pensionsbeiträgen. Im Jahr 2008 (Finanzkrise) waren etliche BezieherInnen von Pensionskassenpensionen mit Kürzungen von über 20 % konfrontiert.

In Österreich gibt es keine explizite Verpflichtung des Staates etwa in Form einer Ausfallhaftung bei Verlusten in der betrieblichen Altersvorsorge. Auch der ArbeitgeberIn kommt gesetzlich keine Verantwortung zu, etwa in Form der Übernahme von Finanzierungsverantwortung bei Unterdeckung. Sohin obliegt das Risiko der Kapitalveranlagung und der versicherungstechnischen Risiken allein den Anwartschafts- bzw. den Pensionsberechtigten.

Positiv bewertet wird die Übernahme bzw. das Teilen von Verantwortung (z.B. Finanzierungsverantwortung bei Unterdeckung) und die qualitative Beschränkung auf ethisch-nachhaltige und risikoarme Finanztitel sowie die Auswahl einer Vorsorgekasse, die mehrheitlich ethisch-nachhaltig veranlagt. [19] In die Auswahl der Vorsorgekasse kann der Betriebsrat eingebunden werden (vgl. auch C5, innerbetriebliche Mitbestimmung).

 

Wie wird die Mitwirkung in Tauschkreisen bewertet?

Historisch hat sich der Kaufvertrag aus dem Tauschvertrag entwickelt. Dieser geht wiederum auf die Schenkung zurück. Gemischte Verträge, die Elemente des Kaufs und des Tauschs enthalten od. Tauschverträge werden positiv berücksichtigt. Ebenso die Schenkung.

 

Wieso ist ein totaler Zinsverzicht vorbildlich und nicht ein Inflationsausgleich?

Siehe hierzu die Ausführungen beim Indikator E 4.

G) Best practises

Zuerst werden für einige europäische Länder ethisch-nachhaltige Banken genannt,

die als Finanzdienstleister vorbildlich und bei der Veranlagung fortgeschritten zu

bewerten sind.

Anschließend werden einige innovative Projekte und Ideen vorgestellt.

Ethisch-nachhaltig orientierte Banken

Deutschland:

Österreich:

Schweiz:

Italien:

Spanien:

Positiv- und Negativkriterien für ethisch-orientiere Geldanlage/Finanzierung

  • Ethikbank-Sarazin-Fond[20]
  • Steyler-Bank
  • Frankfurt-Hohenheim-Leitfaden: Der FHL basiert auf 800 Kriterien der Kultur- Sozial- und Naturverträglichkeit. Er stellt einen Leitfaden zur Auswahl von Nachhaltigkeitskriterien für ethisch-orientierte Fonds dar.
  • Bewegungsstiftung Deutschland
  • Die Sparda Bank München ist der erste Finanzdienstleister mit einem extern geprüften Gemeinwohlbericht 2011 und damit Pionier-Unternehmen. Erzielte 332 Gemeinwohl-Punkte.
  • In Österreich gibt es seit drei Jahren das Projekt Demokratische Bank. Christian Felber hat das Projekt angestoßen. Es gilt als eine geistige Schwester der Gemeinwohl-Ökonomie.

H) Literatur/Links/EXperten

Beispiele für Alternativ-Banken:

Hintergrundinformationen Finanzsystem

Übersicht Anlageformen

Bücher

  • Aßländer (Hrsg), Handbuch Wirtschaftsethik, Metzler, Stuttgart, 2011.
  • Bernau, Wir gründen eine Bank – Das Salzburger Modell. Dokumentation zur Urauführung am Salzburger Landestheater, 2012.
  • Dohmen, Good Bank – Das Modell der GLS Bank, Orange Press, Freiburg, 2011.
  • Felber, Neue Werte für die Wirtschaft: Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus, Deuticke, Wien, 2008. (Insbesondere Kapitel 9: S. 242/243; 266–270).
  • Felber, Retten wir den Euro!, Deuticke, Wien, 2012.
  • Gabriel, Nachhaltigkeit am Finanzmarkt. Mit ökologisch und sozial verantwortlichen Geldanlagen die Wirtschaft gestalten, München, 2007.
  • Holzinger, Neuer Wohlstand: Leben und Wirtschaften auf einem begrenzten Planeten, JBZ, Salzburg, 2012.
  • Huber, Welche Bedeutung hat die Rechtsform der Unternehmen für die Transferzeit zwischen Veränderungen gesellschaftlicher Wertvorstellungen und der Änderung unternehmerischer Ziele, Duncker, Berlin, 1975.
  • Koslowski, Ethik der Banken und der Börse, Mohr Siebeck, Tübingen,1997.
  • Reifer/Ford, Banking for People, de Gruyter, Berlin, 1992.
  • Schumacher, Die Rückkehr zum menschlichen Maß: Alternativen für Wirtschaft und Technik, Rowohlt, Hamburg, 1977.

Zeitschriften

  • Brien, Reconsidering the Common Good in a Business Context in Journal for Business Ethics, 2009.
  • Emunds, Renditedruck der Finanzmärkte in zfwu, Heft 2, 2011.
  • Heindl, Wenn Gewinn Sinn und Leben stiftet in ypsilon Heft 6, 2012.
  • Jannsen, Unternehmertum statt Ehrenamt in Brand eins Heft 7, 2010. (Alternative Finanzierungsformen für Sozialunternehmen).
  • Pennekamp, Der Utopist in Brand eins, Heft 8, 2011. (Portrait des Vorstandsvorsitzenden der Sparda Bank München).
  • Pfeiffer, Start Kapital in Brand eins Heft, 2002. (Artikel über Risiko-Kapital-Firmen und Jungunternehmer).
  • Walcher, Interview mit Gerd Walger: Kapital gegen Unternehmer in Brand eins, Heft 1, 2010.
  • Willenbrock, Bauern, schlau! Genussgemeinschaften in Brand eins, Heft 12, 2012. (Alternative Formen der Unternehmensfinanzierung, wenn dem Landwirt das Kapital fehlt, dem Städter das Land, dann bringen Genussgemeinschaften beide zusammen).

Experten

RedakteurIn: Ansprechpartner 2015/16 Manfred Blachfellner, manfred@blachfellner.at
Bildungskarenz Gisela Heindl: gisela.heindl@gemeinwohl-oekonomie.org, Mitarbeit: Christian Felber, Christian Loy, Christian Rüther


[1]  Z.B. Ethik-Schulung der Mitarbeiter im Finanzcontrolling; themenbezogene Informationsveranstaltung für Mitarbeiter etc.

[2]  Als Quelle zur Recherche zu großen Finanzinstituten kann u.a. Banktrack (www.banktrack.org) dienen.

[3]  Z.B. durch transparente Finanzierungspolitik der Bank, Definition klarer Ausschlusskriterien etwa anhand des Frankfurt-Hohenheimer-Leitfadens, Mitunternehmen, KundInnnen, LieferantInnnen, keine Verwendung spekulativer Finanzderivate etc.

[4]  Z.B. Kredite für ethisch-ökologische Projekte, Investition in erneuerbare Energien, thermische Sanierung, gemeinwohlorientierte Forschung und Entwicklung,

[5] Z.B. Begebung von handelbaren Aktien, Beteiligung stiller GesellschafterInnen mit Intention der Vorbereitung einer Aktienemission.

[6]  Mitarbeiter- und Bürgerbeteiligung (z.B. lokale Bürgerbeteiligungen im Bereich nachhaltiger Energie).

[7] Auf den Einlagenbegriff nach österreichischem Bankwesengesetz kann in diesem Rahmen nicht eingegangen werden.

[8] Vgl. den Artikel in Brand eins 07/2009 von Johannes Dieterich: Geschäfte statt Geschenke

[10] Infos zur Taz-Genossenschaft: http://www.taz.de/zeitung/genossenschaft/ vgl. die Taz-Panter-Stiftung, die auch über Gelder der Berührungsgruppen finanziert wird: http://www.taz.de/zeitung/taz-panter-stiftung/

[11] Vgl. kritische Info über stille Gesellschafter bei der GLS Bank http://www.sakida.de/der-schwarze-fleck-der-gls-bank/ sowie die kritische Betrachtung der Ausschüttung von Dividenden an die Genossen: http://www.taz.de/!83829/. Hingegen positive Berichterstattung bei Brand eins: http://www.brandeins.de/magazin/eine-frage-der-haltung/die-bank-die-geld-verschenkt.html

[13] Siehe auch den Exkurs zur ökonomischen Resilienz.

[17] Heindl, Wenn Gewinn Sinn und Leben stiftet in ypsilon 6/2012, S. 14f.

[18] Ähnlich: Gesetzesentwurf der europäischen Kommission vom November 2012 für eine Frauenquote in Aufsichtsräten.

[19] Problematisch: Gemäß der EU-Pensionsfonds-Richtlinie muss der nationale Gesetzgeber einen bis zu 70%igen Aktienanteil erlauben.  

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