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C4 Gerechte Einkommensverteilung

Ziel des Indikators

Das Ziel ist eine gerechte Einkommensverteilung. Die Entlohnung soll sich an Leistung (= gleiche Anstrengung pro Arbeitszeit), Verantwortung, Risiko und Bedarf orientieren.

Hintergrund

Die Einkommensschere geht immer weiter auf. In Österreich beträgt die Einkommensspreizung zwischen dem Höchst- und Mindesteinkommen 1:800, in Deutschland 1: 5000 und in den USA das 350.000-fache des dortigen gesetzlichen Mindestlohnes.[1] Auch innerbetrieblich geht die Schere immer weiter auf: Im Jahr 2011 betrug die durchschnittliche Vorstandsvergütung eines DAX-Unternehmens das 54-fache des durchschnittlichen Bruttobezugs eines Beschäftigten dieser Unternehmen.[2] Mit Leistung oder Verantwortung haben diese Unterschiede nichts mehr zu tun.

Zahlreiche sozialmedizinische Studien belegen, dass Gesellschaften umso „kränker“, unsicherer und krimineller werden, je größer die Ungleichheit ist.[3] Während Wertschöpfung und BIP kräftig gewachsen sind, stagnieren in Deutschland und Österreich die durchschnittlichen Nettoeinkommen.[4]

Mindestens sieben weitere Gründe sprechen gegen eine übermäßige Ungleichheit bei den Einkommen:

  • Leistung. Der Leistungsgedanke ist in der Wirtschaft ein zentrales Bewertungskriterium. Einkommensunterschiede in tausendfacher Höhe sind jedoch nicht mehr durch Leistung zu rechtfertigen.
  • Chancengleichheit. Wenn Einzelpersonen Multimilliarden akkumulieren oder erben und 50 % der Jugendlichen arbeitslos sind, wie in Spanien, oder 37 % in Hartz-IV-Haushalten aufwachsen, wie in Berlin, dann ist es mit dem liberalen Prinzip der gleichen Chancen aller vorbei. Von 30 DAX-CEOs ist einer ein Arbeiterkind.
  • Demokratie. Ökonomische Macht spiegelt sich auch in politischer Einflussnahme wieder. Die politischen Teilhabe- und Mitgestaltungsmöglichkeiten aller geht verloren, wenn wenige das Vieltausendfache der anderen verdienen.
  • Gender. Das statistische Bundesamt (Destatis) gibt an, dass Frauen bei gleicher Ausgestaltung der Arbeitsverhältnisse und gleichem Bildungsgrad im Schnitt acht Prozent weniger Gehalt beziehen als ihre männlichen Kollegen.[5]
  • Gesundheit. Wenn die Ungleichheit ein gewisses Maß übersteigt, nehmen in allen Bereichen der Gesellschaft Erkrankungen, Depressionen, Selbstmorde, Drogenkonsum und Kriminalität sprunghaft zu und die Lebenserwartung ab. Richard Wilkinson hat beeindruckendes statistisches Material publiziert, wie ein Übermaß an Ungleichheit die Lebensqualität aller senkt.[6]
  • Glück. Ab einem gewissen Grad des materiellen Wohlstandes bringt ein noch höheres Einkommen keinen weiteren Zuwachs an Lebenszufriedenheit. Mehr vom Vielen macht unfrei und trennt uns von den dahinterliegenden Bedürfnissen, die wir damit zu befriedigen versuchen.
  • Ökologie. Extreme Ungleichheit treibt eine Spirale des Immer-mehr-Wollens voran, doch die ökologische Tragfähigkeit des Planeten ist begrenzt. Wenn wir allen Menschen ein gleiches Daseinsrecht zugestehen, können die einen nicht das Vieltausendfache anderer kassieren, besitzen und verkonsumieren.

Umfragen zufolge empfinden rund 90 % der Menschen in Österreich, Deutschland oder Großbritannien die gegenwärtige soziale Ungleichheit als zu groß.[7] Auch in der Wirtschaft wird der Ruf nach einer Begrenzung von exzessiven Gehältern immer lauter.[8]

Impulsfragen

  • Was ist der niedrigste bzw. höchste Lohn im Unternehmen?
  • Wie hoch ist das Medianeinkommen?
  • Gibt es ein innerbetrieblich transparentes Entgeltsystem?

Bewertungstabelle

 

Sub-Indikator

Erste Schritte
(1–10 %)

Fortgeschritten
(11–30 %)

Erfahren
(31–60 %)

Vorbildlich
(61–100 %)

Innerbetriebliche Bruttoeinkommens-spreizung in Unternehmen
(Relevanz: hoch)

Spreizung max:

Bis 20 MA: 1:8

20 bis 200 MA: 1:10

Über 200 MA: 1:12

Spreizung max:

Bis 20 MA: 1:5

20 bis 200 MA: 1:7

Über 200 MA: 1:9

Spreizung max:

Bis 20 MA: 1:4

20 bis 200 MA: 1:5

Über 200 MA: 1:6

    Spreizung max:
Bis 20 MA:  1:2

20 bis 200 MA: 1:3

Über 200 MA: 1:4

Mindesteinkommen (Relevanz: mittel)

 

Die Mindesteinkommen müssen bezogen auf die Lebenserhaltungskosten eines Landes und einer Region auskömmlich sein (living wages). Als Richtwerte gelten für Österreich und Deutschland € 1.330 (netto)[9] und in der Schweiz CHF 3.500 (netto)[10].

Transparenz und Institutionalisierung
(Relevanz: niedrig)

Innerbetriebliche Transparenz der 10 niedrigsten und 10 höchsten Einkommen

Living Wages an allen Standorten; zusätzlich öffentliche Transparenz anhand statistischer Ungleichverteilungsmaße[11]

Verbindliche Festlegung einer Maximalspreizung in Richtung vorbildlich (siehe oben)

Umsetzung aller Ziele, gemeinsame Festlegung der Gehälter durch die Beschäftigten (siehe Best-Practise-Beispiele),

Veröffentlichung aller Gehälter

Definitionen

Definition Mindesteinkommen und living wages

Nachdem die Lebenserhaltungskosten in einzelnen Ländern und Regionen stark variieren ist es nicht sinnvoll, einen einheitlichen Betrag festzulegen. Zur Orientierung dient ein Mindestlohn von € 1.330,– (netto) monatlich in Deutschland und Österreich. Dieser orientiert sich an den Referenzbudgets für notwendige Ausgaben für soziale Teilhabe. Referenzbudgets berechnen für ein jeweiliges Land, wie hoch das verfügbare Einkommen sein muss, um einen menschenwürdigen Lebensstandard sicherzustellen und alle wichtigen Grundbedürfnisse zu decken. Hierzu zählt unter anderem eine Wohnmöglichkeit, Wärme, Essen, Transport, Gesundheitsversorgung. Für Österreich ergeben sich für eine Person im Alter von 25 bis 51 in einem Ein-Personen-Haushalt zur Deckung der Grundbedürfnisse bei voller Anstellung im Jahr 2012 netto € 1.330,–, für einen Haushalt mit einem Erwachsenen und einem Kind (8) € 1.840,– [12]

In Regionen mit abweichenden Lebenshaltungskosten ist ein entsprechend angepasster Wert heranzuziehen bzw. die gültigen Mindestlöhne, wo diese höher liegen.[13]

Definition Einkommen

Im Hinblick auf die Einkommensverteilung sind unter Einkommen nur jene Geld- und Sachwertflüsse zu verstehen, die zu einem endgültigen Abfluss beim Unternehmen und einem Zufluss in der Privatsphäre des/der MitarbeiterIn führen. Gezählt werden dabei alle Einkommensbestandteile: fixe und variable Entlohnung, Zulagen, Boni, Gewinnausschüttungen. Wo nicht anders vermerkt, handelt es sich bei allen Gehaltsangaben um 12 Netto-Monatseinkommen. In Ländern/Unternehmen in denen ein 13. oder 14. Gehalt ausbezahlt wird, muss dieses aliquot den 12 Monatsgehältern hinzugerechnet werden.

Best practises

Beispiele für innerbetriebliche Gehaltsdemokratie

Beispiele für vorbildliche innerbetriebliche Gehaltsspreizung

  • Gea/Waldviertler 1:2 
    (2011 Umsatz 15,5 Mio €/ 120 MA bei Waldviertler)
  • Gugler  Cross Media 1:4 
    (2010 – Umsatz 6,8 Mio €/ 76 MA Äquivalent)
  • Sonnentor 1:4
    (2011 – Umsatz 24,7 Mio €/ 170 MA Kopfzahl)

Öffentlicher Dienst als positives Beispiel

Die Gehälter der öffentlich Bediensteten sind weitgehend transparent und die innerbetriebliche Einkommensspreizung vergleichsweise gering. Vgl. etwa link

Literatur/Links/ExpertInnen

Wilkinson, Richard/Pickett, Kate: „Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“, Tolkemitt Verlag, Berlin 2009. Siehe auch link und link

Negativbeispiele und Hintergrundinfos

 

RedakteurInnen: Christian Rüther, , Mitarbeit: Nonno Breuss, Christian Felber, Otto Galehr, Jan Hunnius, Dominik Sennes

 



[1] Felber, Christian: „Gemeinwohl-Ökonomie“, Neuausgabe, Deuticke, Wien 2012.

[2] Quelle: link  vgl. zu Österreich auch Wieser, Christina/Oberrauter, Markus: Vorstandsvergütung und Ausschüttungspolitik der ATX Unternehmen 2008. Studie der AK Wien 2009, S. 1. Abrufbar im Internet: link Stand: 07.0 2.2012.

Weitere Beispiele exzessiver Gehaltsspreizung:

[3] Wilkinson, Richard/Pickett, Kate: „Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“, Tolkemitt Verlag, Berlin 2009.

[4] Brenke, Karl/Grabka, Markus M.: Schwache Lohnentwicklung im letzten Jahrzehnt. In: DIW Wochenbericht. Reallöhne 2000–2010: Ein Jahrzehnt ohne Zuwachs. Bericht 45/2011, S. 3–15. Abrufbar im Internet: link Stand: 07.02.2012.

[5] Siehe link

[6] Siehe: link od. Wilkinson, Richard / Pickett, Kate: „Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“, Tolkemitt Verlag, Berlin 2009.

[7] Hinz, Thomas/Liebig, Stefan, et al.: „Bericht zur Studie. Einkommensgerechtigkeit in Deutschland“, 2010, S. 5. Abrufbar im Internet. URL: link Stand: 14.02.2012.

[8] So forderte beispielsweise der Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, die Beschränkung von Vorstandsbezügen auf ein 20- bis 40-Faches der Mindestlöhne im jeweiligen Unternehmen. In der Schweiz und Deutschland werden Möglichkeiten zur Beschränkung von Vorstandsbezügen diskutiert.

[9] Bezogen auf einen Ein-Personen-Haushalt. Der Wert eines monatlichen Nettoeinkommens von € 1.330,– orientiert sich an den Referenzbudgets (bzw. „living-wages“), welche z.B. von der ASB (Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldnerberatungen) erstellt wurden (siehe ausführliche Definition weiter unten).

[10] Der Wert wurde von den Schweizer Pionier-Unternehmen vorgeschlagen. Berücksichtigt wurde dabei, dass etwa der Migros-Genossenschaftsbund als einer der größten Arbeitgeber in der Schweiz einen Minimallohn von CHF 3.500,– einführt. Im Weiteren ist eine Volksabstimmung für die gesetzliche Verankerung eines Minimallohnes von CHF 4.000,– in Vorbereitung. Vergleiche dazu die ausführliche Argumentation der Mindestlohn Initiative Schweiz: link

[11] Wie Höchst-, Niedrigsteinkommen, Median, Anteil der Einkommen der 10 % der höchsten Einkommen und der 10 % der niedrigsten Einkommen. Eine Berechnung des Gini-Koeffizienten erschien uns nach genauer Prüfung als zu aufwändig.

[12] Für eine genaue Aufschlüsselung für Österreich siehe: link sowie allgemein: link Diese ursprünglich für 2008/09 errechneten Werte wurden mit 2 % p.a. gesteigert. Regional unterschiedliche Lebenserhaltungskosten werden dabei noch nicht berücksichtigt.

[13] Über höhere Mindestlöhne verfügt Luxemburg (€ 1.800/Monat), Belgien, Irland, Niederlande und Frankreich (Daten Eurostat, Juli 2012). In der Schweiz existieren unterschiedliche Mindestlöhne für einzelne Branchen. 2011 wurde im Kanton Neunburg erstmals ein Mindestlohn in einer Verfassung verankert. Für eine gute Übersicht siehe: link

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