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E1 Sinn und gesellschaftliche Wirkung der Produkte und Dienstleistungen

Ausgangslage und Ziel

Produkte und Dienstleistungen stiften bis dato primär für Kunden und Kundinnen Nutzen. Bei Betrachtung des Gesamtsystems unseres Planeten kann eine reine Nachfragebefriedigung nicht einziges Ziel gemeinwohlorientierter Unternehmen sein. Es gilt, die gesellschaftliche Wirkung sowie die Sinnhaftigkeit der Produkte und Dienstleistungen zu bewerten.

Zielsetzung der Gemeinwohl-Ökonomie ists, dass global nur noch das produziert wird, was die Menschen für eine suffiziente (genügsame) Lebensführung wirklich benötigen, und das auf so ökologisch schonende Weise wie möglich. Unternehmen sollen Impulse erhalten, sinnvolle und sozial wie ökologisch schonende Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln und anzubieten. Zweck der Gemeinwohl-Unternehmen ist es, sämtliche Mitglieder der Gesellschaft mit dem rechten Maß an nützlichen, d.h. für ein physisch und psychisch gesundes und suffizientes Leben nötigen Produkten und Dienstleistungen zu versorgen und diese so sozial und ökologisch wie möglich zu erzeugen.

Darüber hinaus bewirken Gemeinwohl-Unternehmen mit ihrem Angebot einen sozio-kulturellen Wandel zur Lösung der größten Herausforderungen der Menschheit wie Armutsbekämpfung, Ernährung für alle Menschen, Bildung, Gesundheit und Lösungen für soziale Missstände.

Die konkrete Sinnhaftigkeit von Produkten und Dienstleistungen kann mit der allgemeinen Frage beantwortet werden, welches Grundbedürfnis ein Produkt/eine Dienstleistung direkt und indirekt befriedigt und welche möglichen und tatsächlichen negativen Folgewirkungen bei der Herstellung, Verwendung oder Entsorgung entstehen.

Ebenso ist zu berücksichtigen, an welche Kundengruppe in der Bevölkerungs­pyramide das Produkt oder die Dienstleistung gerichtet ist. Günstige Angebote zur Deckung des Grundbedarfs für benachteiligte, untere soziale Gruppen, sind von der gesellschaftlichen Wirkung höher zu bewerten als ein Angebot für die gehobene soziale Schicht mit dem Motiv „nice to have“.

Bei der Bewertung der gesellschaftlichen Wirkung von Produkten und Dienstleistungen sind nach John Croft drei Ebenen zu berücksichtigen[1]:

  1. Persönliches Wachstum der Menschen
  2. Stärken der Gemeinschaft
  3. Lebensgrundlage der Erde

Heutige Konsummuster, Produktnutzungen und Energiebedarf sind unter dem Aspekt limitierter Ressourcen, sozialer persönlicher und globaler Auswirkungen sowie ökologischer Folgewirkungen zu betrachten. Neben dem grundsätzlichen Produktsinn kommt hierbei der sinnvollen und der maßvollen Nutzung (Suffizienz) eine wesentliche Bedeutung zu.

Bei der Bewertung und Neuentwicklung von Produkten und Dienstleistungen sind Unternehmen gefordert, Lösungen für zukunftsfähige Produktions- und Lebensweisen zu finden, um die notwendige soziale und ökologische Transformation zu bewältigen.

Impulsfragen

Für eine systematische Auseinandersetzung können folgende Fragestellungen den Diskurs im Unternehmen unterstützen:

  • Welche Bedürfnisse erfüllen die Produkte/Dienstleistungen (P/D) bei KundInnen?
  • Welche der neun Grundbedürfnisse  (nach Manfred A.  Max-Neef, siehe weiter unten) werden vom jeweiligen P/D positiv, mehrfach positiv oder negativ erfüllt?
  • Welche Art der Nutzenstiftung erfolgt durch die P/D des Unternehmens? (siehe weiter unten)
  • Zu welcher Bedürfnisbefriedigung tragen die P/D angesichts der Kundenstruktur indirekt bei?
  • In welcher Form dient das P/D dem persönlichen Wachstum der Menschen?
  • In welcher Form hilft das P/D, die Gemeinschaft im Privat- und Berufsleben der Menschen zu fördern?
  • In welcher Relation stehen die Produkte zu Wachstumsgrenzen auf unserem Planeten?
  • Wie ist die gesamte Wertschöpfungskette sozial und ökologisch zu bewerten?

 

Abstufung und Messung

 

Subindikator

Erste Schritte
(1-10%)

Fortgeschritten
(11-30%)

Erfahren
(31-60%)

Vorbildlich
(61-100%)

Produkte/ Dienstleistungen decken den Grundbedarf oder dienen der Entwicklung der Menschen/der Gemeinschaft/der Erde  und generieren positiven Nutzen

 

(hoch)

 

Bis zu 25% der P/D decken Grundbedarf oder haben positive + nachgewiesene Auswirkungen auf Menschen/ Gemeinschaft/Erde;

 

max. 25% der P/D erfüllen hemmenden/pseudo-/ Negativ-Nutzen

 

Bis zu 50% der P/D decken Grundbedarf oder haben deutlich positive + nachgewiesene Auswirkungen auf Menschen/ Gesellschaft/Erde;

keine P/D erfüllen hemmenden/
pseudo-/ Negativ-Nutzen

Bis zu 75% der P/D decken Grundbedarf
oder haben deutlich positive + nachgewiesene Auswirkungen auf Menschen/ Gesellschaft/Erde

Bis zu 100% der P/D decken Grundbedarf
oder haben deutlich positive + nachgewiesen Auswirkungen und lösen wesentliche gesellschaftliche Probleme

 

Ökologischer und sozialer Vergleich der Produkte/ Dienstleistungen mit Alternativen mit ähnlichem Endnutzen

 

(mittel oder hoch)

 

Punktuelle Ansätze: z.B. das Unternehmen bietet soziale und ökologische Nischenprodukte an

Das Unternehmen bietet hinsichtlich sozialer/ ökologischer Aspekte überdurch-schnittliche P/D

Hinsichtlich sozialer und ökologischer Aspekte wesentlich besser als Branchendurch-schnitt

Im Vergleich zur Alternative sozial und ökologisch hochwertigste P/D, z.B. Energie: Ökostrom; Mobilität: Zug/Bus/Solarantrieb

BESONDERHEITEN BEI DER BEWERTUNG

Abgrenzung zu anderen Indikatoren

Die gesellschaftliche Wirkung der Produkte und Dienstleistungen bezieht sich auf die gesamthafte Wirkung der unternehmerischen Tätigkeit (Geschäftsmodell) auf die Menschheit/Gesellschaft bzw. Weiterentwicklung der Menschen zu mehr Mitgefühl bzw. menschlichen Werten und überschneidet sich mit den Indikatoren der ökologischen Nachhaltigkeit (A1/D3/E3) sowie sozialen Indikatoren (D4/E2). Die Sinnhaftigkeit kann speziell bewertet werden durch 

  • den sozialen Vergleich (Sozial- und Kulturverträglichkeit) und
  • den ökologischen Vergleich (Naturverträglichkeit, Suffizienz, Genügsamkeit)

zu Alternativen mit ähnlichem Endnutzen. Beispielsweise ist ein Auto nicht nur im Vergleich zu anderen Autos zu sehen, sondern mit sämtlichen Alternativen hinsichtlich Mobilität (Zug, Bus, Bahn etc.). Betrachtet werden hierbei der gesamte Lebenszyklus/die gesamte Wertschöpfungskette „vom Rohstoff bis zur Entsorgung bzw. Wiederverwertung“ sowie die soziale und kulturelle Wirkung des Produkts.

Deutlich muss E1 von D1 getrennt werden. Häufig sagen die PionierInnen: „Aber mein Produkt bringt den Kunden doch folgende Vorteile …!“

Das beschreibt den Kundennutzen, der in D1 bewertet werden kann. Bei E1 geht es um den gesellschaftlichen Mehrwert.

 

Bewertungshilfe

Zur Bewertung der wichtigsten Produkte/Dienstleistungen des Unternehmens kann folgende Struktur helfen:

 

Top 5 angebotene Produkte/ Dienstleistungen

(in % des Umsatzes)

Deckt das P/D einen Grundbedarf (suffizient) und ist lebensnotwendig?
(Dient es dem einfachen Leben, einem guten Leben, oder ist es Luxus?)

Positive Wirkung auf Mensch/ Gemeinschaft/Erde

Negative mögliche/ tatsächliche Folgewirkung des P/D

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

           

Definition und Aspekte

Um der Komplexität dieses Indikators gerecht zu werden, gilt es, die Produkte und Dienstleistungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten:


Befriedigung
 menschlicher Grundbedürfnisse: Der Sinn eines Produkts oder einer Dienstleistung kann darin erkannt werden, ob ein P/D zur Deckung menschlicher Grundbedürfnisse dient und in welcher Form Nutzen gestiftet wird. Max-Neef’s Human-Scale-Development-Ansatz[2] gibt Hilfestellung zur Messung von neun Grundbedürfnissen des Menschen sowie zur Klassifizierung unterschiedlicher Arten von Nutzen (Details siehe unten).

Relation zu negativen Folgewirkungen: Der Grad der Bedürfnisbefriedigung ist in Relation zu den negativen Folgewirkungen zu sehen, die durch Produktion, Transport, Konsumverhalten bis zur Entsorgung bzw. Endlagerung entstehen. Hier ist andererseits die Sozial- und Kulturverträglichkeit zu beachten, wie beispielsweise Einsatzbereich, Gesundheitswirkung, Suchtgefahr oder nutzungsfremde Statusfunktion. Andererseits die Naturverträglichkeit, d.h. die ökologischen Auswirkungen wie Klimawandel, Nutzung knapper Ressourcen, Schädigung der Gesundheit,  ökologischer Fußabdruck etc. Viele Produkte und Dienstleistungen entfalten erst durch die gegenwärtige Nutzungsintensität ihre destruktive Kraft (z.B. fossile Energieträger, tierische Nahrungsmittel).                         

Berechnung:            % positive Wirkung eines Produkts/einer Dienstleistung

                              % negative Folgewirkungen

Ob Grundbedürfnisse erfüllt werden und welche negativen Folgewirkungen daraus entstehen, ist nur eine Seite der Medaille. Darüber hinaus ist bei der Erfüllung der Grundbedürfnisse auch die angesprochene Kundengruppe von Bedeutung. Unternehmen, die die Erfüllung von Grundbedürfnissen für die unterste, benachteiligte Schicht der Bevölkerung anbieten, sind hinsichtlich der gesellschaftlichen Wirkung höher zu bewerten als solche mit Kunden an der Spitze der Bevölkerungspyramide.

Darüber hinaus ist zu bewerten, ob soziale Anliegen unterstützt oder aktuelle soziale Herausforderungen gelöst werden, wie z.B. gesunde Ernährung von Kindern, Lösung von Flüchtlingsproblemen, Integration von Arbeitslosen, Bildung für Benachteiligte, soziale Gerechtigkeit, Datenschutz. Die höchste Stufe der gesellschaftlichen Wirkung ist erreicht, wenn das Angebot des Unternehmens zu einem hohen Anteil den sozio-kulturellen Wandel  unterstützt und vorantreibt (Sozial Business Enterprise). Dies gelingt durch wirksame Problemlösungen für die unteren, benachteiligten sozialen Schichten.[3]

Persönliches Wachstum/Entwicklung der Menschen: Vermehrung an Bildung, Wissen und Berufschancen für möglichst viele Menschen ist für ein friedliches Miteinander auf unserem Planeten unter der Bedingung stark wachsender Weltbevölkerung und knapp werdender Ressourcen eine Grundvoraussetzung. Gemessen wird, welche Breitenwirkung das P/D für die Entwicklung der Menschen hat und ob sich das P/D an bislang benachteiligte Menschen richtet, z.B. P/D zur Integration von Langzeitarbeitslosen etc.

Entwicklung der Gemeinschaft: Produkte oder Dienstleistungen, die das Zusammenleben bzw. die Zusammenarbeit der Menschen positiv beeinflussen, z.B Architektur, die Sozialkontakte fördert; Führungssysteme, die besseres Zusammenarbeiten von Abteilungen innerhalb von Unternehmen ermöglichen etc.

Regenerieren des Ökosystems und Natur/Ressourcen schonen: P/D, die ressourceneffizienter produziert oder genutzt werden als vergleichbare Produkte, z.B. Nullenergie-Haus, giftfreie Druckprodukte etc.

Indirekte Bedürfnisbefriedigung und Auswirkungen im B2B-BereichEine an sich sinnvolle Dienstleistung kann sowohl eine/n am Gemeinwohl orientierten als auch für eine/n das Gemeinwohl verletzende/n Kunden/in erbracht werden. Hier sind  direkte und indirekte Wirkung zu unterscheiden. Einerseits befriedigen Anbieter direkt ein Bedürfnis der AbnehmerInnen, andererseits tragen diese indirekt zur Leistung des Unternehmens und damit indirekt zur Wirkung seiner Produkte/Dienstleistungen bei.

 

Grundbedürfnisse

Lt. Max-Neef sind folgende neun Grundbedürfnisse der Menschen weltweit feststellbar und werden beispielsweise befriedigt durch:

  1. Lebensgrundlage: z.B. Nahrung, Wohnen, Arbeiten
  2. Schutz, Sicherheit: z.B. soziale Sicherheit, Gesundheitssystem, Arbeitsplatzsicherheit
  3.  Beziehung: z.B. Partnerschaft, Familie, Naturverbundenheit
  4.  Bildung: z.B. Literatur, Bildungssystem, Kommunikation
  5.  Mitwirkung: z.B. Rechte, Verantwortung, Arbeit
  6.  Freizeit, Entspannung: z.B. Spiele, Sport, Clubs
  7.  Kunst, Gestaltung: z.B. Fähigkeiten, Know-how
  8.  Identität: z.B. Sprache, Religion, Tradition, Werte
  9.  Freiheit, Menschenwürde: z.B. Gleichberechtigung

 

Art der Nutzenstiftung

Nach Max-Neef können wir über die Bedürfniserfüllung hinaus fünf grundsätzliche Wirkungen bzw. Nutzenstiftungen von Produkten und Dienstleistungen unterscheiden:

a)    Das Produkt/die Dienstleistung erfüllt mehrfachen Nutzen, z.B. das Stillen eines Babys erfüllt nicht nur das Grundbedürfnis nach Nahrung, sondern auch das Bedürfnis nach Zuwendung, Nähe und Geborgenheit.

b)    Das Produkt/die Dienstleistung erfüllt einen einfachen Nutzen, z.B. eine Sport-veranstaltung erfüllt NUR den Nutzen einer Freizeitgestaltung.

c)    Hemmender Nutzen, z.B. TV-Sendungen erfüllen das Bedürfnis nach Freizeitgestaltung, können aber die Kreativität und das eigenständige Schaffen hemmen.

d)    Pseudo-Nutzen, z.B. Mechanische Medizin: „Für jede Krankheit eine Tablette" löst das Problem häufig nicht vom Grunde, sondern bekämpft teilweise nur die Symptome und kann schlimmstenfalls zur Symptomverschiebung führen.

e)    Negativnutzen von Produkten/Dienstleistungen, die sogar die Erfüllung von Grundbedürfnissen behindern, wie z.B. Atomkraftwerke, Waffen, Spielautomaten oder Zensuren.

 

Negative Folgewirkungen

Die negativen Folgewirkungen sind ein möglicher erster Filter für die Bewertung der gesellschaftlichen Produktwirkung.

Folgende mögliche und tatsächliche negativen Auswirkungen des Leistungsangebotes sind zu bewerten:

  • Produktion/Ressourcenverbrauch
  • Transport/Ressourcenverbrauch
  • Übermäßiges Konsumverhalten
  • Benachteiligung niedriger sozialer Schichten
  • Gesundheitliche Risiken/Schädigungen
  • Schädigung Ökosystem
  • Hohe Nutzungsintensität - entspricht nicht suffizientem Lebensstil
  • Übermäßiger Energieverbrauch
  • Hemmender Nutzen, wie Suchtgefahr, Abhängigkeit etc.
  • Pseudo-Nutzen, keine Problemlösung, sondern Symptombekämpfung

 

Weitere Unterscheidungsformen

Ergänzend dazu können die folgenden drei Kategorien unterschieden werden:

Kategorie 1

Kategorie 2

Kategorie 3

Suffizienz

Wohlstand

Luxus

Einfaches Leben

Gutes Leben

Überfluss

Grundbedürfnisse

Wahlbedürfnisse[4]

Statussymbole

Folgende Impulsfragen können helfen, die eigenen Produkte in die drei Kategorien einzuteilen:

  • Handelt es sich um Produkte/Dienstleistungen für ein suffizientes oder „einfaches“ Leben? Sind sie lebensnotwendig oder gehören sie zur Lebensgrundlage? (siehe neun Grundbedürfnisse)
  • Sichern die Produkte/Dienstleistungen ein „gutes Leben“, d.h. sie sind nicht in der Form lebensnotwendig, aber vereinfachen, erleichtern oder bereichern das „einfache“ Leben? (Wahlbedürfnisse)
  • Handelt es sich um Luxusprodukte, die meistens „nur“ dem eigenen Status dienen und durch preiswertere, weniger ressourcenschädliche Produkte des einfachen oder guten Lebens ersetzt werden können?

Zur besseren Unterscheidung wurden für alle drei Kategorien konkrete Beispiele gefunden. Diese Aufzählung ist ein „erster Aufschlag“ und gehört in den weiteren Matrix-Versionen ergänzt und überarbeitet.

Suffiziente Produkte/Dienstleistungen sind:

  • Einfache, selbstgekochte, frische, vorwiegend vegetarische Ernährung
  • Wohnung inklusive Wasser/Wärme/Strom (ein Wohn-/Schlafzimmer von ca. 20qm pro Person)
  • Einfache Kleidung in ausreichender Menge
  • (Aus)Bildung: Schulbildung bis zur Matura, eine Berufsausbildung
  • Telekommunikation/Internet[5] und Computer
  • Ärztliche Grundversorgung und Krankenversicherung
  • Mobilität und Teilnahme am sozialen Leben
  • Freie und unabhängige Presse/Medien

Alle diese Produkte/Dienstleistungen können in einer Variante des „guten Lebens“ oder des „Luxus-Lebens“ bezogen werden. Die Grenzen sind nicht immer leicht zu ziehen. Bei Wohnraum kann beispielsweise unterschieden werden zwischen einer Sozialwohnung mit weniger Zimmern als Personen, einer repräsentativen Wohnung in einer beliebten Wohngegend mit mehr als 20qm pro Person („gutes Leben“) bis hin zu der Vorort-Villa und dem Zweitwohnsitz auf dem Lande („Luxus-Leben“). Vor allem die Grenze zwischen gutem Leben und Luxus ist nicht immer klar zu definieren.

Luxusprodukte sind auf jeden Fall Produkte/Dienstleistungen, die entweder mehr als das Dreifache der suffizienten Variante kosten oder der Ressourcen verbrauchen.

Ein Social-Business-Unternehmen  – was ist das?[6]

Der Begriff „Social Business Enterprise (SBE)“ wurde von Muhammad Yunus geprägt für ein Unternehmen, das Geld verdient und dabei die Gesellschaft verändert, in der es tätig ist. Es handelt sich dabei weder um eine NGO noch um eine gemeinnützige Stiftung. Ein SBE wird zwar von Anfang an mit einem sozialen Gedanken im Hinterkopf aufgebaut (soziale Mission), doch es ist auch möglich, etablierte Unternehmen in SBEs umzuwandeln. Maßgeblich bei der Bezeichnung eines Unternehmens als SBE ist, ob die soziale Mission ein primäres geschäftliches Ziel ist und sich klar in seinen Entscheidungen niederschlägt.

Globale Probleme lösen

Um sich zu einem Sozialunternehmen zu entwickeln, ist es zweckmäßig, die acht Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen aufzugreifen und für die größten Herausforderungen unseres Planeten Lösungen anzubieten.

Die Millenniums-Entwicklungsziele sind[7]:

  1. Bekämpfung von extremer Armut und Hunger
  2. Primärschulbildung für alle
  3. Gleichstellung der Geschlechter, Stärkung der Rolle der Frau
  4. Senkung der Kindersterblichkeit
  5. Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter
  6. Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen Krankheiten
  7. Ökologische Nachhaltigkeit
  8. Aufbau einer globalen Partnerschaft und Entwicklung

Probleme/Herausforderungen der westlichen Welt lösen

Innerhalb europäischer/westlicher Gesellschaften gibt es auch eine Reihe von gesellschaftlichen Problemen, die entweder von den staatlichen Einrichtungen gelöst werden oder von NGOs bzw. Social-Business-Unternehmen angegangen werden können. Hier wird versucht, eine nicht vollständige Auflistung wesentlicher gesellschaftlicher Probleme anzuführen, um eine gute Grundlage für die Bewertung von E1 zu erhalten:[8]

  • Ressourcenschonende Ernährung (Bio-Landwirtschaft, keine Gen-Technik)
  • Preiswerter und ökologischer Wohnraum, ressourcenschonende Wärme/ Energieeffizienz
  • Preiswertes und qualitätsvolles Gesundheitswesen (über die westliche Medizin hinaus)
  • Umfassende Aus- und Weiterbildung (über das klassische Schulwesen hinaus)
  • Armutsbekämpfung und Grundeinkommen
  • Migration, Zuwanderung und Nationalismus
  • Abfallvermeidung / Recycling / Upcycling
  • Ersatz konventioneller Produkte durch nachwachsende Rohstoffe
  • Ressourcenschonende Mobilität (weg vom PKW hin zu alternativen Möglichkeiten)
  • Demografischer Wandel: Arbeits- und Wohnsituation für ältere Menschen
  • Landflucht: Abwanderung aus ländlichen Gebieten
  • Regionale Stärkung – als Gegengewicht zur Globalisierung

Good Practice

Grameen Bank – Mikrokredite für die Armen

Eine solidarische Wirtschaftsinitiative entstand in einem der ärmsten Länder der Welt. Die Grameen Bank (bengalisch etwa: dörfliche Bank) wurde 1983 von dem Ökonomen Muhammad Yunus gegründet, um der armen Bevölkerung eine Startfinanzierung für kleine Unternehmungen zu geben. Dabei gehen ca. 97% der Kredite an Frauen, und ca. 98% werden zurückgezahlt. Gleichzeitig werden KreditnehmerInnen Mitglieder – also MiteigentümerInnen – der Bank. Die Grameen Bank gehört zu 94% ihren KundInnen und zu sechs Prozent dem Staat. Das Konzept der Bank wird heute in sechzig Entwicklungsländern kopiert und angewandt.

Allerdings gibt es zur Grameen Bank selbst und zu ähnlichen Mikrokredit-Modellen auch kritische Stimmen, die sagen, dass nur ein Fünftel der Schuldner der Sprung in den wirtschaftlichen Erfolg gelinge, während der Rest im Kreislauf der Schuldknechtschaft gefangen bleibe. Dazu würden Kreditvermittler teilweise provisionsbezogen arbeiten und Kunden so zu Mikrokrediten drängen.[9]

R.U.S.Z.  - Reparatur- und Servicezentrum

In Wien gegründetes Sozialunternehmen mit dem Zweck, Langzeitarbeitslose in den Arbeitsprozess zu reintegrieren. Die unternehmerische Tätigkeit, Reparatur von Elektrogeräten, dient lediglich dazu, den sozialen Zweck zu erfüllen, und bietet zusätzliche positive ökologische Effekte, da Elektrogeräte länger genutzt werden können und weniger Neugeräte gekauft werden müssen.

Gabarage - upcycling

Kooperation mit dem Geschäftszweck, aus alten, scheinbar wertlosen Gegenständen neue Designprodukte zu gestalten, wie beispielsweise aus alten Bücher einen Schreibtisch. Ziel sind einerseits die Müllvermeidung und Wiederverwertung, andererseits  Arbeitsplätze für und Qualifizierung von benachteiligten Menschen.

Göttin des Glücks - Modedesign

Mode wird gefertigt aus 100% afrikanischer Baumwolle zu 100% unter sozial fairen Arbeitsbedingungen und guten Löhnen in Mauritius. Ziel ist die Schaffung von adäquat bezahlten Arbeitsplätzen unter Einhaltung der Sozialstandards in einem Entwicklungsland, Verwendung reiner, giftfreier Naturmaterialien, Bezahlung fairer Preise entlang der gesamten Wertschöpfungskette mit Modedesign, das in der anspruchsvollen westlichen Welt gefragt ist.

Gemeinschaftsbüros – The Hub-Vienna

Es gibt eine wachsende Anzahl von Einzel-Unternehmen, cultural creatives, die meistens nur  alleine oder in Netzwerken arbeiten. Um einer Vereinzelung vorzubeugen und Ressourcen bei der Anmietung von Büroräumlichkeiten zu sparen, haben sich weltweit Gemeinschaftsbüros entwickelt. In Wien ist die Mutter der Co-Working-Spaces die Schraubenfabrik, die seit 2002 besteht. Im Jahr 2010 wurde das HUB-Vienna gegründet als lokaler Zweig der weltweiten HUB-Bewegung, die zusätzlich zu den Gemeinschaftsbüros auch einen kreativen Raum für Social Entrepreneurs schaffen möchte. Der Großteil der Mitglieder sind Social-Business-Unternehmen, und es werden umfassende Schulungen und Vernetzungsmöglichkeiten angeboten.

Literatur / Links / Experten

  • Ashoka Fellows – 2000 Social Entrepreneurs, die von Ashoka ausgezeichnet und unterstützt wurden
  • Bornstein, David: Die Welt verändern. Social Entrepreneurs und die Kraft neuer Ideen, Klett Cotta, 2005
  • Feige, Achim: Good Business. Das Denken der Gewinner von morgen, Murmann, 2010
  • Spiegel, Peter: Eine bessere Welt unternehmen. Wirtschaften im Dienst der Menschheit, Herder, 2011
  • Yunus, Muhammad: Die Armut besiegen. Hanser, 2008
  • Yunus, Muhammad: Social Business. Von der Vision zur Tat, Hanser, 2010
  • Kotler, Philip u.a.: Vom Kunden zum Menschen, Die neue Dimension des Marketings, Campus, 2010
  • Senge, Peter M: Die Fünfte Disziplin, Kunst und Praxis der Lernenden Organisation, Schaeffer-Poeschl, 2011
  • Randers, Jorgen: 2052 – der neue Bericht an den Club of Rome, Oekom, 2012
  • Wellbeing-Index für England und Deutschland

 

Redakteurin: Angela Drosg-Plöckinger: a.drosg@mehrwerte.at, Vorarbeit: Christian Loy, Mitarbeit: Christian Rüther


[1]           John Croft: The Great Turning and Deep Ecology, Workshop Wien 2012

[2]              Max-Neef, Manfred A.: Human Scale Development: Conception, application and further reflections: http://www.max-neef.cl/download/Max-neef_Human_Scale_development.pdf oder http://130.233.249.11/courses/sub12/wp-content/uploads/2012/10/Max-neef_Human_Scale_development.pdf

[3]             Kotler, Philip u.a.: Die neue Dimension des Marketings, Vom Kunden zum Menschen, Campus, 2010

[4]           Vgl. die Unterscheidung Grundbedürfnisse/Wahlbedürfnisse auf http://www.verlag-fuchs.ch/_dokumente/VW_Kapitel1_4_locked.pdf

[5]           Vgl. Urteil des deutschen BGH, dass Internet zur Lebensgrundlage gehört: http://www.spiegel.de/ netzwelt/netzpolitik/bgh-urteil-schadensersatz-bei-internet-ausfall-vom-provider-a-879481.html

[6]           Vgl. Wikipedia-Eintrag für Social Business: http://de.wikipedia.org/wiki/Social_Business

[7]           Vgl. Wikipedia-Eintrag zu den Millenniumszielen: http://de.wikipedia.org/wiki/Millennium-Entwicklungsziele

[8]           Vgl. die Liste der suffizienter Produkte/Dienstleistungen

[9]           Vgl. kritische Stimmen im Artikel vom Südwind-Magazin http://www.suedwind-magazin.at/start.asp? ID=242237&rubrik=7&ausg=201012 , im Wikipedia-Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Grameen_Bank sowie die Buchrezension in Spiegel Online zu einem kritischen Mikrokredit-Buch: www.spiegel.de/ wirtschaft/unternehmen/mikrokredite-hugh-sinclair-rechnet-in-seinem-buch-mit-der-branche-ab-a-841303.html

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