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Einleitung + Vorwort

DIE GEMEINWOHLBILANZ – DAS HERZSTÜCK

Die Gemeinwohlbilanz ist das „Herzstück“ der Gemeinwohl-Ökonomie. Sie stellt den Menschen und alle Lebewesen sowie das Gelingen der Beziehungen zwischen ihnen in den Mittelpunkt des Wirtschaftens. Sie überträgt die heute schon gültigen Beziehungs- und Verfassungswerte auf den Markt, indem sie die WirtschaftsakteurInnen dafür belohnt, dass sie sich human, wertschätzend, kooperativ, solidarisch, ökologisch und demokratisch verhalten und organisieren.

Sie macht die Werte der Gesellschaft zu den Werten der Wirtschaft.

FUNKTION DER GEMEINWOHLBILANZ

Die Gemeinwohlbilanz misst unternehmerischen Erfolg in einer neuen Bedeutung. Die Wirtschaft soll dem Gemeinwohl dienen und auf der Unternehmensebene kann das durch die Bilanz (zusammen mit dem Gemeinwohlbericht) belegt werden. Der Finanzgewinn ist zu aussageschwach in Bezug auf die eigentlichen Ziele des Wirtschaftens: Schaffung von Nutzwerten, Bedürfnisbefriedigung, Sinnstiftung, Teilhabe aller, Mitbestimmung, Geschlechterdemokratie, ökologische Nachhaltigkeit, Lebensqualität.

Der Finanzgewinn sagt nichts über die Mehrung des Gemeinwohls aus. Er kann steigen, wenn die Lieferantenpreise gedrückt werden, MitarbeiterInnen trotz Gewinn entlassen, Steuern vermieden, Frauen diskriminiert werden oder die Umwelt ausgebeutet wird. Der Finanzgewinn wird nur in Geld gemessen und Geld kann nur Tauschwerte messen, jedoch keine Nutzwerte – deren Verfügbarmachung und Verteilung doch der eigentliche Zweck des Wirtschaftens ist.

Finanzgewinn ist in der Gemeinwohl-Ökonomie nur noch Mittel zum Zweck. Der Zweck: die Gemeinwohlmehrung. Finanzgewinn darf nicht mehr maximiert und nicht mehr um jeden Preis erhöht werden. Er muss dem neuen Zweck als Mittel dienen.

Mit der Gemeinwohlbilanz wird endlich das gemessen, was wirklich zählt. Die Gemeinwohlmatrix „schneidet“ mehrheitsfähige Grund- und Verfassungswerte – Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Demokratie – mit den Berührungsgruppen (Stakeholdern) des Unternehmens: Beschäftigte, Zulieferer, KundInnen, GeldgeberInnen, Souverän, zukünftige Generationen, Natur. Die an den Schnittstellen formulierten 17 Gemeinwohlindikatoren sollen eine Beurteilung von unternehmerischem Verhalten bzw. dessen Beitrag zum Gemeinwohl ermöglichen.

Derzeit erfolgt die methodische Erfassung mittels Gemeinwohlpunkte, welche für pro-aktives Verhalten bei den 17 Indikatoren vergeben werden. Mit exakten Punkten soll nicht suggeriert werden, dass eine millimetergenaue Messung des unternehmerischen Gemeinwohlbeitrages möglich ist. Zielsetzung ist eine nachvollziehbare, plausible und konsistente Einschätzung, wo sich ein Unternehmen auf dem Weg zum Gemeinwohl befindet. Mit der derzeitigen Matrix stehen wir am Anfang der Entwicklung eines Messinstruments, welches regelmäßig zu evaluieren, zu präzisieren und an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen ist. 

GEMEINWOHLMaTRIX, -BERICHT UND -TESTAT

Die Gemeinwohlmatrix bietet eine einseitige Übersicht über die 17 Bilanzindikatoren sowie die Negativkriterien und dient der pädagogischen, politischen Arbeit sowie der Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist nicht Teil des eigentlichen Bilanzerstellungsprozesses von Unternehmen, Vereinen oder Institutionen.

Das Paket des Bilanzierungsprozesses besteht aus zwei  Elementen: dem Gemeinwohlbericht, und dem Testat (Audit- oder Peer-Evaluierung).

Der Gemeinwohlbericht ist eine umfassende Dokumentation der Gemeinwohlorientierung eines Unternehmens, in dem es seine Aktivitäten zu jedem der 17 Indikatoren nach einer vom Verein entwickelten Vorlage beschreibt.

Das Testat dokumentiert im grafischen Design der Matrix (eine gut übersichtliche DinA4-Seite) eine extern evaluierte Punktevergabe. Dabei kann derzeit zwischen einem Peer-Testat und einem Audit-Testat unterschieden werden. Beim Peer-Testat bewerten sich nach einem gemeinsamen Lernprozess die Pionier-Unternehmen in einer Gruppenevaluation untereinander, beim Audit-Testat wird das Unternehmen/die Organisation von einer unabhängigen externen AuditorIn bewertet.

Der Gemeinwohlbericht und das Testat ergeben zusammen die Gemeinwohlbilanz.

Die Rechentabelle zur Ermittlung der Bilanzzahl heißt nun Bilanzrechner. Er ist ein Hilfsinstrument für die Selbsteinschätzung von Unternehmen und für die Arbeit der AuditorInnen und nicht Teil der Gemeinwohlbilanz. 

VERGABE VON GEMEINWOHLPUNKTEN

Die Gemeinwohlpunkte werden für 17 messbare Gemeinwohlindikatoren vergeben, wobei Unternehmen freiwillig entscheiden, welche der Indikatoren sie in welchem Maß verwirklichen. Das bedeutet, dass die Punkte nur für freiwillige Leistungen vergeben werden, die prinzipiell über den gesetzlichen Mindeststandards liegen. Die Absicht dahinter ist folgende: Heute sind die meisten Unternehmen sehr weit vom Gemeinwohlideal (bestmöglicher Umwelt- und Klimaschutz, Mitbestimmung aller, Verteilungsgerechtigkeit, Geschlechtergleichheit, höchstmögliches Maß der Wahrung der Menschenwürde) entfernt. Theoretisch kann man von heute auf morgen durch die Formulierung entsprechender gesetzlicher Standards Unternehmen dazu zwingen, sich annähernd „ideal“ zu verhalten. Doch genau das würde nicht gelingen, weil das Eigennutzstreben (der Egoismus) der Unternehmen so weit reicht, dass sie sich gegen höhere verbindliche Standards mit aller Macht zur Wehr setzen – zumindest im gegenwärtigen demokratischen System, in dem Profit das Ziel ist. Die Methode, höhere Standards unter Freiwilligkeit zu stellen, diese jedoch bei Erreichung rechtlich spürbar zu belohnen (über Steuern, Zölle, Zinsen, Aufträge etc.) könnte diese verfahrene Situation lösen. Zum Beispiel können fünf erreichbare Stufen definiert, farblich gekennzeichnet und belohnt werden, etwa durch fünf unterschiedliche Mehrwertsteuerklassen. Zum Beispiel: 

                                     

                                      –1000   bis        0   Punkte              rot                    80 % MWSt

                                             1   bis    250   Punkte              orange              60 % MWSt

                                          251   bis    500  Punkte               gelb                 40 % MWSt

                                         501   bis    750   Punkte              hellgrün             20 % MWSt

                                          751   bis  1000  Punkte              grün                  0 % MWSt

 

Durch diesen Anreiz würden sich immer mehr Unternehmen beteiligen und für diese schonende politische Umsteuerung des unternehmerischen Strebens in Richtung Gemeinwohl stark machen. Die Gemeinwohlbilanz würde einen Prozess herbeiführen, der die Unternehmen beim heutigen Ist-Zustand abholt und ohne direkten Zwang „marktkonform“ in Richtung Soll-Zustand motiviert und lenkt.

In diesem Prozess wirkt die Gemeinwohlbilanz als Katalysator: Je mehr Unternehmen nach Gemeinwohlkriterien wirtschaften und sich mehr und mehr den Gemeinwohlzielen annähern und diese erreichen, desto mehr Kriterien können aus der Gemeinwohlbilanz in gesetzliche Mindeststandards umgewandelt werden und den Platz frei machen für neue oder verfeinerte freiwillige Gemeinwohlkriterien. So bewegt sich die gesamte Unternehmenslandschaft auf dem Zeitvektor in Richtung Gemeinwohl. Das Zurückbleiben in der „alten Werte-Welt“ geht dann mit steigender Konkursgefahr für Unternehmen einher, weil sie immer höhere Steuern, Zölle und Zinsen zahlen und keine öffentlichen Aufträge mehr bekommen. Die PionierInnen-Unternehmen, die „Gemeinwohlmaximierer“, haben es dagegen immer leichter, weil Gemeinwohlverhalten zum Erfolg führt.

GEMEINWOHLFARBE FÜR KONSUMENTINNEN

Um die Sichtbarkeit des Gemeinwohlerfolgs zu erhöhen, könnten zum Beispiel fünf oder zehn Gemeinwohlstufen mit ebenso vielen Farben kenntlich gemacht werden. Das hilft insbesondere den KonsumentInnen, denn die Gemeinwohlbilanz soll in Zukunft auf allen Produkten und Dienstleistungen aufscheinen, ähnlich dem Strichcode. An der Gemeinwohlfarbe erkennt die KonsumentIn sofort, in welcher „Liga“ das Erzeugerunternehmen spielt. In der Farbe könnte zusätzlich die Gemeinwohlzahl enthalten sein. Wer es genauer wissen will, kann mit dem Handy über den Strichcode fahren und kann sofort online die gesamte Gemeinwohlbilanz abrufen. Die Gemeinwohlbilanz ist öffentlich. Damit erfüllt die Gemeinwohl-Ökonomie ein bisher uneingelöstes Versprechen der Marktwirtschaft: das nach vollständiger und symmetrischer Information aller Marktteilnehmenden.

17 INDIKATOREN, Ihre Bewertung und die Erläuterungen im HANDBUCH

Die Matrix/Bilanz 4.1. setzt sich schon wie die Vorgängerin 4.0. aus 17 Indikatoren zusammen, die auf die fünf universale Werte (Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung & Transparenz) aufgeteilt werden.

Jeder Indikator wird in einen bis vier Subindikatoren mit den unterschiedlichen Relevanzstufen niedrig, mittel und hoch unterteilt. Jeder Subindikator beschreibt einen inhaltlichen oder organisatorischen Aspekt der Frage:

„Wie kann Wert X in Bezug auf die Berührungsgruppe Y gelebt werden?“

Die Bewertung eines Indikators und seiner sämtlichen Subindikatoren erfolgt in vier Abstufungen: Erste Schritte (1–10 %), Fortgeschritten (11–30 %), Erfahren (31–60 %) und Vorbildlich (61–100 %).

Wir versuchen mit den Subindikatoren einen Wert möglichst umfassend zu beschreiben. Allerdings haben sowohl das Unternehmen als auch der Auditor darüber hinaus den Spielraum, weitere Aspekte zu beschreiben und zu bewerten.

 

Z.B. A1 Ethisches Beschaffungsmanagement

Subindikator

Erste Schritte     (0–10 %)

Fortgeschritten         (11–30 %)

Erfahren              (31–60 %)

Vorbildlich              (61­–100 %)

Regionale, ökologische und soziale Aspekte / höherwertiger Alternativen werden … berücksichtigt

Relevanz: hoch

… punktuell bei Produkten mit negativen sozialen und / oder ökologischen Auswirkungen (Öko-Strom) …

… bei einigen wesentlichen P/ D …

… bei einem Großteil an wesentlichen P/D …

+ klare Reduktion bei kritischen Stoffe ohne höherwertige Alternative

… allen wesentlichen, zugekauften P/D …

+ innovative Lösungen zur Vermeidung kritischen Stoffe ohne höherwertige Alternative

Aktive Auseinandersetzung mit den Auswirkungen zugekaufter P/D und Prozesse zur Sicherstellung sowie. Ausmaß und Form der Nachweisführung

Relevanz: durchschnittlich

Interne Auseinandersetzung durch aktives Einholen von Informationen zu der Thematik

Integration sozialer und ökologischer Aspekte in das Vertragswesen (Code of Conduct/Ethik-Kodex)

Internes Audit bei Risiken und wichtigsten Lieferanten

Schulungen (Seminare, Workshops, Zeitbudgets für ExpertInnengespräche) aller Mitarbeiter im Einkaufsprozess

Regelmäßige Evaluierung sozialer/ökologischer Auswirkungen und Alternativen

Sicherstellung durch unabhängiges Audit (z.B. nach soz./ökol. Gütesiegeln zertifizierte P/D, Kooperation mit NGOs)

 

Multi-Stakeholder-Initiative (z.B. mit Marktpartnern, NGOs etc.) hinsichtlich sozialer und ökologischer Aspekte

Strukturelle Rahmenbedingungen zur fairen Preisbildung

Relevanz: niedrig

Verzicht auf rein preisgetriebene Beschaffungsprozesse (u.a. Auktionen, Ausschreibungsverfahren)

Kein vom Einkaufspreis abhängiges Bonussystem für Einkäufer

Langfristige, kooperative Beziehungen werden wechselnden, kostenorientierten vorgezogen

Evaluierung des Verhaltens der Einkäufer durch regelmäßige Mitarbeitergespräche mit Fokus auf die Herausforderungen, die sich durch eine ethische Beschaffung ergeben

Innovative Strukturen im Beschaffungswesen (z.B. Partizipation an Alternativwährungskonzepten, ökonomische Ansätze der Solidarischen Landwirtschaft etc.)

Die Gesamtsumme des Indikators wird in 10-Prozent-Schritten angegeben, z.B. ist A1 „Ethisches Beschaffungsmanagement“ zu 10 %, 30 % oder 70 % erfüllt.

Im letzten Jahr gab es unterschiedliche Übertreibungen in Richtung Mathematisierung der Matrix mit ausgeklügelten Excel-Sheets und einer Gemeinwohl-Zahl mit zwei Kommastellen. Diese Messbarkeit ist in der Wirtschaft weit verbreitet, schafft allerdings häufig nur eine Scheinsicherheit und -präzision. Unserer Meinung nach lässt sich das Gemeinwohl zwar bewerten aber noch nicht exakt messen.

Sobald die Gemeinwohl-Ökonomie über einen Wirtschaftskonvent Gesetz geworden ist, muss natürlich die Punktezahl aussagekräftig werden und ggf. vor Gericht standhalten. Darauf arbeiten wir hin und erinnern daran, dass auch jedes kleine Kind Zeit zum Wachsen und Entwickeln braucht. Die Matrix ist jetzt gerade einmal zwei Jahre alt und erst – oder eigentlich: schon – ein Rohdiamant.

Alle Dokumente finden sich auf unserer Website unter der Rubrik Unternehmen/PionierInnen:  www.gemeinwohl-oekonomie.org/unternehmen/pionier-unternehmen/

KREATIVITÄTS- UND BEWERTUNGSSPIELRAUM

Die in der Matrix enthaltenen Gemeinwohlindikatoren sollen Unternehmen nicht davon abhalten, selbst Mittel und Wege zu suchen, dem Gemeinwohl zu dienen. Deshalb sollen sie sich neben der Erfüllung der einzelnen Indikatoren immer die „Globalfrage“ stellen:

  • Wie kann ich den Wert X in Bezug auf die Berührungsgruppe Y am besten erfüllen und fördern?

Durch das gemeinsame Suchen (lat. „com-petere“) werden laufend neue und präzisere Indikatoren, Kriterien und Beispiele gefunden. Die Matrix erleichtert diese Suche durch die Formulierung von 17 Indikatoren: Diese formulieren Ziele (z.B. „Innerbetriebliche Demokratie“) und geben für die konkrete Umsetzung nur Beispiele an (z.B. „Soziokratie“ in diversen Abstufungen), belassen aber die Möglichkeit, eigene, neue, gleichwertige Umsetzungsschritte zu finden. Dadurch wird den Unternehmen ein gewisser Kreativitätsspielraum und den Gemeinwohl-AuditorInnen (s.u.) ein gewisser Bewertungsspielraum belassen. Die Bilanz gibt damit nicht nur „starre“ Kriterien vor, sondern erlaubt auch ein gewisses Maß an Flexibilität, damit die Unternehmen ihren Beitrag zur Weiterentwicklung der Idee leisten können. Wichtig ist, dass die Richtung stimmt.

MAXIMUM 1000 PUNKTE

In Summe ergeben alle Kriterien maximal 1000 Punkte. Pro Kriterium können maximal 90 Gemeinwohlpunkte erreicht werden. Die Gemeinwohlbilanz wurde so entwickelt, dass sie für Unternehmen a) jeder Größe, b) jeder Branche und c) jeder Rechtsform anwendbar ist – vom EPU und gemeinnützigen Verein über den mittelständischen Familienbetrieb bis zum börsennotierten Konzern oder der öffentlichen Universität.

Das derzeit angewandte Punktebewertungsverfahren ist möglicherweise nicht die beste Methode zur Messung des Gemeinwohls, u.a. weil es Kompensationseffekte (z.B. Aufwiegen ökologischer Schäden durch zusätzliche soziale Maßnahmen) möglich macht, was in der Nachhaltigkeitsdiskussion kritisch hinterfragt wird. In Zukunft wollen wir diese Bedenken bei der Weiterentwicklung des Instruments berücksichtigen.

Im ersten und zweiten Bilanzjahr hatten die „besten“ Unternehmen zwischen 550 und 675 Punkte. Wir gehen davon aus, dass ein „normales“ Unternehmen, das sich bisher nicht besonders um das Gemeinwohl gekümmert hat, wahrscheinlich zwischen minus 100 bis plus 100 Punkte bekommen würde. Das scheint uns ein realistischer Vergleichsmaßstab zu sein. Kein Unternehmen ist in allen Bereichen vorbildlich und es sollten im Hinblick auf die Gesamtpunktezahl von 1000 keine überhöhten Erwartungen gestellt werden.

In den ersten Jahren wollen wir zudem nicht die Punktezahl in den Vordergrund stellen, weil

  • der Prozess und Bericht Vorrang haben vor der Bepunktung,
  • sowohl die Indikatoren als auch die Punkteverteilung sich in den ersten Jahren noch signifikant verändern,
  • auch der Auditprozess sich noch verfeinert und die AuditorInnen dazulernen.

Aus diesem Grund haben wir bei der Matrix 4.1 einige Verbesserungen vorgenommen, die eine Mathematifizierung verhindern sollen:

  • Die Gewichtung der Subindikatoren erfolgt nicht mehr in Prozenten, sondern in drei Relevanzstufen: niedrig, mittel und hoch.
  • Das Ergebnis pro Indikator wird nur noch in 10-Prozent-Abstufungen angegeben, also z.B. 10 %, 20 % oder 30 %.

Für die Matrix 5.0 wird das Thema „Bepunktung“ generell überarbeitet: Derzeit gibt es unterschiedliche Vorstellungen, von der völligen Abkehr von jeglicher Punkteverteilung und stattdessen einer rein farblichen Bewertung bis hin zur Beibehaltung einer genauen Bepunktung. Wir werden dieses Thema dann eingehend mit möglichst umfassendem Einbezug aller Beteiligten diskutieren.

NEGATIVKRITERIEN

Das Problem, dass manche extrem gemeinwohlschädigenden Verhaltensweisen derzeit rechtlich legal sind, wird durch Negativkriterien gelöst: Wer zum Beispiel die Menschenrechte oder ILO-Kernarbeitsnormen verletzt, feindliche Übernahmen durchführt, Atomstrom erzeugt, Gewinne in Steueroasen deklariert und dadurch Steuern minimiert, Saatgut gentechnisch manipuliert oder Großkraftwerke in ökologisch sensiblen Regionen baut, erhält zwischen 100 und 200 Minuspunkte.

UNTERSCHIEDLICHE UNTERNEHMEN

Um eine Versionen-Flut zu vermeiden, gibt es derzeit nur eine einzige Bilanz, die für alle Unternehmenstypen gilt: EPU, Bauernhof, Dienstleister, Familienbetrieb, Mittelständler, öffentliches Unternehmen oder Weltkonzern.

Da es jedoch eine Vielfalt an Besonderheiten bei jedem Unternehmen gibt und diese zu berücksichtigen sind, haben wir begonnen, innerhalb jedes Indikators zu differenzieren. Bei der aktuellen Matrix 4.1 hat diese Differenzierung nach sechs  Aspekten begonnen, wobei dies erst mit der Matrix 5.0 konsequent umgesetzt wird:

  • nach der Unternehmensgröße (orientiert an der Definition der EU-Kommission)
  • nach Schwellenwerten für Umsatz und Jahresbilanzsumme
  • nach Branche (Orientierung an NACE-Sektorenaufteilung[1])
  • nach regionalen Risken
  • nach der Position in der Wertschöpfungskette (B2B, B2C etc.)
  • nach der Marktmacht des Unternehmens

Desweiteren werden Leitfäden für besondere AnwenderInnengruppen erarbeitet. Derzeit gibt es schon einen Leitfaden für EPU (Ein-Personen-Unternehmen). Zusätzlich gibt es zwei Arbeitsgruppen für Universitäten und Gemeinden.

Im Laufe der Zeit werden aus den Leitfäden besondere Handbücher, welche die Übersetzung der Universalbilanz/-matrix auf besondere Anwendungsfelder vornehmen.

Hier ist auch die Mitarbeit der jeweiligen PionierInnen gewünscht. Derzeit bestehen diese Arbeitsgruppen aus jeweils einer RedakteurIn, einer AuditorIn und einer VertreterIn der besonderen Branche.

Die  Matrix selbst soll eine Universalbilanz bleiben, d.h. eine Matrix für alle Unternehmen und Organisationen.

GEMEINWOHLAUDIT & GEMEINWOHLBILANZPRÜFERIN

Wie wird die Bilanz kontrolliert? Ganz analog zur WirtschaftsprüferIn, die heute die Finanzbilanz prüft: von einer neuen freien Berufsgruppe, der GemeinwohlauditorIn. Zunächst wird die Bilanz unternehmensintern erstellt und geprüft (Controlling, interne Revision) und dann zum – externen – Audit gebracht, wo die Bestätigung, das Testat, erfolgt. Erst wenn dieses vorliegt, „gilt“ die Bilanz. Im Gegensatz zur Finanzbilanz bietet die Gemeinwohlbilanz zahlreiche Vorteile:

-          Sie ist für alle verständlich, weil die Kriterien einfach und menschlich sind.

-          Sie ist öffentlich und für alle einsehbar.

-          Zahlreiche Berührungsgruppen haben ein handfestes Interesse an der Korrektheit der Bilanz, wodurch viele wachsame Augen auf sie gerichtet sind. Jeder Fälschungsversuch würde rasch auffliegen. Sofern dem Gemeinwohlauditor im Falle einer (wiederholten) Bestätigung einer gefälschten Bilanz der Entzug der Berufslizenz droht, ist die Wahrscheinlichkeit von Betrug und Korruption minimal.

-          Unternehmen haben ein Eigeninteresse, eine möglichst hohe Gemeinwohlzahl zu erreichen, weil dadurch Vorteile locken. Dennoch ist der Erreichungsgrad bei allen Indikatoren „freiwillig“, weshalb neben dem Audit-System keine prüfende Behörde und keine Bürokratie nötig ist: Die Gemeinwohlbilanz steuert das Verhalten von Unternehmen marktkonform, ohne eine zusätzliche Regulierungsorgie auszulösen.

Analog zur Trennung des Beratungsgeschäftes von der Prüfungstätigkeit bei der Finanzbilanz müssen auch das Audit und die Beratung von Unternehmen, welche die Gemeinwohlbilanz erstellen, gesetzlich getrennt werden.

Ferner ist denkbar, dass aufgrund der Komplexität der Materie zumindest bei größeren Unternehmen Audit-Teams Einzelpersonen ablösen. Das würde das Prüfergebnis weiter verbessern und noch unbestechlicher machen. Gegenwärtig arbeitet der sich bereits konsolidierende AkteurInnenkreis der AuditorInnen mit einem Doppelverfahren durch Erst- und ZweitauditorIn. Außerdem gibt es periodisch Hausbesuche in den Unternehmen, analog zur periodischen Steuerprüfung von (größeren) Unternehmen.

Um einen langsamen Einstieg in den Bilanzprozess zu ermöglichen, können Unternehmen sich in den ersten Jahren gegenseitig evaluieren („Peer-Evaluierung“) und mit einem kostenpflichtigen Audit noch zuwarten. Die AuditorInnen erstellen auch für jede Peer-Evaluierung ein eigenes Testat, das sich aber vom Audit-Testat klar unterscheidet.

DAS REDAKTIONSTEAM

Die bisherige Auswahl der Indikatoren sowie die aktuellen Versionen der Erläuterungen und des Handbuches sind der Beginn einer langen Arbeit, an der viele Menschen mit Erfahrung, Expertise und Kreativität mitwirken sollen. Das 2012 auf 16 Personen angewachsene Redaktionsteam arbeitet seit Anfang unverändert zu 100 % ehrenamtlich, was bis auf weiteres auch so bleiben soll. Nur die KoordinatorIn erhält eine geringe Aufwandsentschädigung. Ziel für 2013 ist, dass es für jeden der 17 Indikatoren eine verantwortliche Redakteurin gibt, die wiederum ein kleines „Indikatorenteam“ um sich schart, das den jeweiligen Indikator mit allen Unterlagen weiterentwickelt. Auf jeder Erläuterung ist diese RedakteurIn als Ansprechperson angegeben, die sich über Rückmeldungen für die weitere Bearbeitung und Verbesserung freut. Ziel des Gesamtprozesses ist nach Integration zahlreicher Meinungen und Erfahrungen die Mündung in einen urdemokratischen Prozess, einen direkt gewählten Wirtschaftskonvent. Näheres dazu auf der Webseite unter „Die Idee“/„Geschichte“.

GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG UND WIE WEITER?

Matrix 1.0: wurde von den Attac-UnternehmerInnen erstellt, sie ist in der Erstauflage des Buches „Die Gemeinwohl-Ökonomie“ (Deuticke, 2010) veröffentlicht.

Matrix 2.0: Weiterentwicklung der ersten Version bis Februar 2011 – vom Redaktionsteam nach einer ersten Feedbackwelle infolge des Symposiums „Unternehmen neu denken“ am 6. Oktober 2010. Die Kriterienanzahl betrug damals noch über 50.

Matrix 3.0: wurde vom Redaktionsteam auf 18 Zielindikatoren (damals noch „Kriterien“) reduziert, nach der ersten „Berührung“ der Pionierunternehmen mit der Version 2.0, die versuchten, diese anzuwenden und zu berechnen. Sie war die Grundlage für die Entscheidung der ersten knapp 60 Unternehmen, die Gemeinwohlbilanz 2011 erstmals freiwillig zu erstellen.

Matrix 4.0: ist die gültige Bilanz für 2012 und Anfang 2013 und Basis für die Gemeinwohlberichte und die Bilanzpressekonferenz am 24. April 2013. Der frühere Indikator Gleichstellung und Umgang mit Benachteiligten (C5 in der Matrix 3.0) wurde in C1 Arbeitsplatzqualität integriert.

Matrix 4.1: ist eine Verbesserung der Matrix 4.0. mit einigen Maßnahmen der Abschwächung der Mathematisierung der Bewertung. Sie wird am 1. März 2013 veröffentlicht und ist ab dann gültig. Bis Ende Juni 2013 gilt eine Übergangsfrist, in der auch auf Basis der Matrix 4.0. auditiert/peer-evaluiert werden darf. Ab 1. Juli 2013 werden nur noch Berichte auf Basis der Matrix 4.1 angenommen.

Matrix 5.0: wird noch weiter weg von den Punktezahlen gehen, eventuell könnte die Gesamtpunktzahl wegfallen. Gleichzeitig werden mehr Branchen- und Größenaspekte berücksichtigt und einzelne Leitfäden und Handbücher entstehen. Die Bilanz wird mehrere Jahre lang einmal jährlich angepasst: der Rohdiamant wird geschliffen. Ziel ist, dass die Expertise, Erfahrungen und Meinungen von Tausenden von UnternehmerInnen, Privatpersonen, WissenschaftlerInnen, Organisationen und anderen AkteurInnen einfließt.

Nach rund fünf Jahren soll ein demokratisch gewählter Wirtschaftskonvent aus unserer Vorarbeit ein Gesetz machen. Die dort formulierte und vom demokratischen Souverän (eventuell durch systemisches Konsensieren) angenommene Version wird die erste für alle Unternehmen rechtsverbindliche Gemeinwohlbilanz.

Mitarbeit bei der Weiterentwicklung der Matrix

Die Matrix lebt – und wir möchten sie gerne inhaltlich weiterentwickeln. Dazu brauchen wir Mitarbeit und Rückmeldungen. Seit Mitte 2012 ist ein Wiki eingerichtet, in dem jetzt die gültigen Versionen Matrix 4.0 und 4.1 online zugänglich sind. Jedes Unternehmen, jede BeraterIn, jede AuditorIn und AktivistIn ist herzlich eingeladen, ihr/sein Wissen im Wiki zu teilen. Dafür bitten wir, die Kommentarfunktion zu verwenden und die Anregungen unterhalb des jeweiligen Indikators hinzuzufügen.

LINK: https://wiki.gwoe.net/display/Redaktion/Home 


NEUERUNGEN DER MATRIX 4.1

Bei der Verarbeitung der Rückmeldungen gab es einige wesentliche Veränderungen: Der Begriff „Kriterien“ wurde durch den Begriff „Subindikatoren“ ersetzt, der Begriff „Gemeinwohlbilanz“ wird jetzt für den extern auditierten Gemeinwohlbericht inklusive dem Testat verwendet und nicht mehr für das Rechenprogramm zur Punktevergabe.

Weitere Veränderungen zur letzten Matrix sind:

  • Gewichtung der Subindikatoren in niedrig, mittel und hoch.
  • Wegfall der „Basisdokumentation“ und Vereinheitlichung des Handbuches.
  • Präzisierung der einzelnen Indikatoren.
  • Erweiterung des Redaktionsteams von sechs auf sechzehn RedakteurInnen.
  • Angebot eines Schnelltests („Quicky“) für Unternehmen.
  • Entwicklung einer Einstiegsbilanz für Unternehmen, die eine einfache Version des Gemeinwohlberichtes erstellen möchten.
  • Auf der Subindikator-Ebene haben sich folgende Indikatoren leicht oder wesentlich verändert: B1, C1, C4, C5, D1, D4, E1, E4.

Infos zum PROZESS der BILANZERSTELLUNG

Der Berichtszeitraum kann vom Unternehmen selbst bestimmt werden, entweder das Kalenderjahr oder davon abweichend das Geschäftsjahr.

Stichtag für die Bilanzpressekonferenzen im Jahr 2013 ist der 17. April 2013, das ist eine Woche vor der 2. Internationalen Gemeinwohlbilanz-Pressekonferenz. Bis dahin auditierte/peer-evaluierte Bilanzen können auf der jeweiligen regionalen Pressekonferenz der Öffentlichkeit präsentiert werden. Das externe Audit benötigt rund 4 bis 6 Wochen, deshalb bitten wir, die GWÖ-Berichte bis spätestens sieben Wochen vor dem Termin der Bilanz-Pressekonferenz 2013 einzureichen. Die Ausstellung der Peer-Testate dauert ca. 1 bis 2 Wochen. Für die reibungslose Organisation der Pressekonferenzen ist die Einhaltung dieser Fristen von besonderer Bedeutung. Genauere Infos zu den PKs erhalten Sie unter presse@gemeinwohl-oekonomie.org.

 

Jedes Pionierunternehmen kann zwischen drei Formen der Bilanzerstellung wählen:

1 Sämchen: Das Unternehmen erwirbt eine Mitgliedschaft beim Verein oder leistet eine Spende in mindestens gleicher Höhe; es ist berechtigt, das Service der Gemeinwohl-Ökonomie zu nutzen, und erstellt eine hausinterne Bilanz, die nicht veröffentlicht wird. 
Logo/Web-Banner: 
Unterstützendes Unternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie oder Mitglied der Gemeinwohl-Ökonomie.

2 Sämchen: Das Unternehmen erwirbt eine Mitgliedschaft beim Verein und erstellt    in einer Peer-Gruppe mit anderen Unternehmen eine Gemeinwohlbilanz. Nach der       wechselseitigen Prüfung kann die Bilanz mit der Kennzeichnung „Peer-Evaluierung“ veröffentlicht werden. Das Unternehmen kann an der Bilanz-Pressekonferenz teilnehmen.
Logo/Webbanner: Pionierunternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie mit   peer-evaluierter Gemeinwohlbilanz

3 Sämchen: Das Unternehmen wird Mitglied beim Verein und erstellt (idealerweise in einer Peer-Gruppe) eine Bilanz, die es extern auditieren lässt und verpflichtend mit einem Link von der Startseite veröffentlicht.         
Logo/Webbanner: Pionierunternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie mit auditierter Gemeinwohl-Bilanz.


Weitere Ressourcen