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Ökonomische Resilienz

In den 17 Indikatoren wird das „Gemeinwohl“ gemessen, die „Ökonomie“ kommt nur bedingt in B1 und E4 vor.

Eine mögliche Beschreibung einer gemeinwohlorientierten „Ökonomie“ eines Unter-nehmens könnte der Begriff der „wirtschaftlichen Resilienz“ sein. 

Unter ökonomischer Resilienz ist dabei die Toleranz gegenüber Störungen von innen oder außen zu verstehen. Die Kernfrage wäre:

„Wenn sich die Rahmenbedingungen verschlechtern oder besondere Störungen auftreten, kann das Unternehmen weiter überleben, darauf kreativ und situativ reagieren und gleichzeitig dem Gemeinwohl dienen?“

Mögliche Störungen können sein:

  • Umsatzrückgang
  • Kostensteigerungen z.B. durch sich verteuernde Ressourcen
  • Gesamtwirtschaftliche Krisen (Finanz-, Eurokrise, Rezessionen…)

 

Was genau umfasst eine wirtschaftliche Resilienz?

Die nachfolgende (unvollständige) Auflistung betriebswirtschaftlicher und gemein-wohlorientierter Kennzahlen versteht sich als Versuch der Begriffskonkretisierung. Einige Kennzahlen sind leicht zu quantifizieren, andere müssen qualitativ bewertet werden und können nicht so leicht in Zahlen gekleidet werden:[1]

Grundlage = Erste Schritte und fortgeschritten

  • hohe Eigenkaptialquote (mehr als 100-200% im Branchenvergleich)
  • Produktionsanlagen mit hohem interner Wert fürs Unternehmen (z.B. eine vollab­geschriebene Produktionsanlage, die für eine längere Zeit noch gut betriebsfähig ist, hat einen hohen internen Wert fürs Unternehmen)
  • hohe Rücklagen
  • Langfristig zur Verfügung stehendes Fremdkapital mit jederzeitiger Tilgungsmöglichkeit
  • hohe Umsatzrentabilität
  • hohe Cash-Flow-Quote
  • hohe Auftragslage und Kapazitätsauslastung
  • Qualität der Geschäftsführung + Führungskräfte (externe und internes Feedback)
  • Bekanntheit in der jeweiligen Zielgruppe - Markenwert

Hohe Gemeinwohl-Orientierung/ Resilienz  = erfahren und vorbildlich[2]

  • Hohe Arbeitsplatzqualität und Involvement der Mitarbeiter (C1/C5)
  • geringe Gewinnausschüttung an Mitarbeiter/ Eigentümer und Geldgeber (max. Inflationsausgleich)
  • nachhaltige Lieferanten-Beziehungen („treue LieferantInnen – Dauer der Zusammenarbeit“)
  • nachhaltige Kunden-Beziehungen („treue Stammkundenschaft – Anzahl der Stammkunden oder Wiederverkäufe“)
  • hohe sozial-ökologische Investitionen (Anteil an Gesamtinvestitionen/ Gewinn)
  • Nachhaltigkeits-/ GWÖ-Engagement der Firma (Gesamtwert der Matrix)
  • Unabhängigkeit von seltenen Erden oder Peak-Rohstoffen
  • Langfristige Planung der Geschäftstätigkeit im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Gemeinwohlorientierung (anstelle des kurzfristigen Profitstrebens für externe Eigentümer)

 

Ökologische Verantwortung und Antwort auf die drastische Ressourcen­verknappung und –verteuerung

In C3, D3 und E3 wird jeweils auf den ökologischen Fußabdruck des Unternehmens hingewiesen. Derzeit verbrauchen die Unternehmen und Menschen mehr Ressourcen als die Erde jährlich zur Verfügung stellt. Das führt zu einer deutlichen Verknappung der Ressourcen, wie z.B. Öl, seltene Erden und damit zu einer Verteuerung. Diese Entwicklung ist mittelfristig unbestritten.[3] So beschreibt das Zentrum für Transformation der deutschen Bundeswehr z.B. folgendes Szenario für die Öl-Verknappung: „Mittelfristig bräche das globale Wirtschaftssystem und jede marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft zusammen.“[4]

Wünschenswert wäre eine Kostenwahrheit bei den Ressourcen, wenn der Preis an die wirklichen „Kosten“ gekoppelt wird. In dem Modell werden die negativen Umweltauswirkungen von z.B. Öl in den jeweiligen Preis eingerechnet (Internalisierung der Kosten). Auch dies würde zu einer Verteuerung der Rohstoffe führen.

Sowohl die Post-Wachstums-Ökonomie als auch verschiede Peak-Everything-Ansätze stehen dem Wirtschaftswachstum sehr kritisch gegenüber. Das Mantra des globalen, undifferenzierten Wachstums gehört diffenziert hinterfragt, weil weiteres Wachstum diesen Prozess der Ressourcenverknappung und den damit verbundenen negativen Effekte nur beschleunigt. Selbst ein ökologisches Wachstum kann nicht unbedingt diese negativen Auswirkungen aufhalten.

Einerseits braucht es zunächst eine geistige Wende (), dann eine Mischung aus

  • persönlicher und unternehmerischer Bescheidenheit/ Suffizienz,
  • einer optimalen ökologischen Größe eines Unternehmens,
  • Wachstum in ausgewählten ökologischen Feldern und gleichzeitig
  • das „Sterben“ umweltschädlicher Unternehmen,

um die Verantwortung für die Schöpfung/ Mutter Erde nach halbwegs wahrnehmen zu können. Das Prinzip des „Buen Vivir“, wie es in einigen lateinamerikanischen Verfassungen der Andenländer verankert ist und das der Umwelt einen hohen Status einräumt, kann als Vorbild dienen. Was als kognitive Wende begonnen hat, durch Gemeinwohl-Pioniere wirtschaftlich vorgelebt wird, braucht einen rechtlichen Rahmen mit entsprechenden Sanktionsmechanismen.

 

Impulsfragen

  • Welche Ansätze bestehen, um einen hohen Beitrag zum Gemeinwohl auch im Falle von schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (sinkende oder schwankende Umsätze, erhöhte Kosten, etc.) sicherzustellen? Wie stuft das Unternehmen seine eigene Krisenresistenz im Vergleich zu anderen Unternehmen ein?
  • In welchen Bereichen seiner Tätigkeiten (z.B.: Beschaffung von Ressourcen, Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, Arbeitsplatzschaffung und Erhaltung, …) sieht das Unternehmen potentielle Konflikte zwischen ökonomischer und sozial-ökologischer Entwicklung?

 

Mögliche Bewertung der ökonomischen Resilienz

Aufgebaut werden kann hier auf den etablierten Instrumenten und Konzepten der Unternehmensführung (z.B.: Risiko-Management). Belohnt wird in diesem Zusammenhang

  • eine im Branchenvergleich besonders ausgeprägte ökonomische Krisenresistenz (z.B.: überdurchschnittliche EQ-Quote; geringere Kapital/Finanzierungskosten)
  • eine aktive Auseinandersetzung mit der Wechselwirkung sozialökologischer Aspekte und ökonomischer Stabilität [5]
  • eine hohe Flexibilität und geringe Abhängigkeit von Ressourcenverbrauch und generellen Marktschwankungen (z.B.: Diversität im Produktportfolio oder der Kundenstruktur)
  • hohe Resilizenz durch Kooperation und Teilen der Risiken entlang der Wertschöpfungskette (z.b.: innovative Finanzierungsformen z.b.: solidarische Landwirtschaft)

 

Erste Schritte

(1-10%)

Fortgeschritten
(11-30%)

Erfahren
(31-60%)

Vorbildlich
(61-100%)

Ökonomische Resilienz

Aktive Auseinandersetzung mit der Wechselwirkung betriebwirtschaftlicher und sozialökologischer Aspekte (z.B.: Integration sozialer und ökologischer Aspekte in Risikomanagement und Unternehmensführung)

über den Branchendurchschnitt gehende ökonomische Stabilität (z.B.: überdurchschnittliche EQ-Quote).

Das Unternehmen behält auch bei schwierigem Marktumfeld (Umsatzrückgang, etc.) seine ökonomische Stabilität und kann seinen Beitrag zum Gemeinwohl aufrechterhalten (z.B. keine Entlassungen notwendig)[6] 

Geringe Abhängigkeit von knappen Ressourcen (fossile Energieträger) bzw. deren steuerpolitischer Regulation
(Effekt einer ökologischen Steuerreform auf das Unternehmen)

 

Hohe Resilizenz durch Kooperation und Teilen der Risiken entlang der Wertschöpfungskette (z.b.: innovative Finanzierungsformen – Fussnote!, solidarische Landwirtschaft)

 

 

Eine vertiefende Betrachtung des Themas erfolgt mit der nächsten Überarbeitung.

Ansprechpartner für den Artikel: Manfred Blachfellner, manfred.blachfellner@gmx.at, Autoren der bisherigen Version: Christian Rüther, Christian Loy, unter Mitarbeit von: Gisela Heindl und Christian Felber

 



[2] lang ausgeschrieben: Hohe Gemeinwohlorienterierung und Resilienz gegenüber dem öklogischen Wandel und Ressourcenverknappung (Peak-Everything)

[3] Vgl. Am Beispiel von Treibhausgas-Emissionen skizziert der WBGU (Wissenschaftliche Beitrag für Global Umweltfragen der deutschen Bundesregierung -. http://www.bmbf.de/pubRD/wbgu_sn2009.pdf) die notwendige Reduktion anhand des Budgetansatzes. Zur Erreichung des Zieles von 2,7 to CO² pro Bürger (http://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%A4nderliste_CO2-Emission) ist eine drastische Reduktion der Emissionen notwendig (u.a. vielfach höhere Abgaben für CO²-Emissionen als beim gegenwärtigen Zertififikathandel). Dies ist mit ökonomischen Folgewirkungen verbunden (steigende Kosten für fossile Energieträger, Ressourcen und Vorprodukte, Investitionen in alternative Technologien, stark verminderte Nachfrage nach ressourcenintensiven Produkten, etc.).

[5] Dies kann im Falle eines Unternehmensberater die Abhängigkeit von Mobilität sein, bei einem Handelunternehmen der Faktor Transport, bei einem Produzenten die Energiekosten, ein Kohleproduzent muss sein Geschäftsmodell aller Voraussicht nach hinterfragen.

[6]  Tendenziell erst während oder nach einer Krise feststellbar; Umgang in der Finanzkrise (Banken zum Beispiel)

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